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Alltag im 1. Weltkrieg - Ausgewählte Aspekte

Der Friedrich Authenrieth-Verlag in Stuttgart bot im April 1915 der Stadt Augsburg diese Postkarten für Hilfstage für bedürftige Kriegerfamilien an

Projekt: Dr. Renate Weggel (Gymnasium bei St. Anna)
Materialien: Stadtarchiv Augsburg

Einleitung

a) Hinweise zur Benutzung dieser Materialien

Bei dem hier vorliegenden Projekt handelt es sich um Vorschläge, wie Schüler der Jahrgangsstufen 9 bzw. der Kollegstufe (alter Lehrplan) des Gymnasiums an die Arbeit mit Archivalien vor Ort herangeführt werden können.

Das Thema "Alltag im 1. Weltkrieg" eignet sich dafür aus drei Gründen: 

  1. kann daran gezeigt werden, wie stark dieser Krieg jeden Einzelnen betraf, obwohl Deutschland nicht Kriegsschauplatz war. 

  2. lassen sich hier bereits einige Tendenzen nationalistischer Art erkennen bis hin zum offenen Antisemitismus, die im Dritten Reich nur wieder aufgegriffen werden mussten. Dasselbe gilt auch für die Art der Sammlungen. 

  3. sind die hier aufgeführten Materialien eher plakativ und sprechen die Schüler daher direkt an.

 
b) Zu den Quellen des Stadtarchivs

Der Aktenbestand ‚Kommunalverband' des Stadtarchivs Augsburg, dem die folgenden Materialien entnommen sind, bietet eine Fülle von Informationen über die Begleitumstände des 1. Weltkriegs im weitesten Sinn. Einiges ist (noch) handschriftlich, aber vor allem die offiziellen Dokumente sind maschinenschriftlich und damit auch Schülern leicht zugänglich. Interessanter als die Erlasse, Verordnungen und Anweisungen amtlicher Stellen aus Bayern oder dem Reich sind jedoch die vielen Zeitungen, Werbeplakate, Postkarten, Lebensmittelmarken, Festprogramme (oft mit Lied- und Gedichttexten) etc., die in den Aktenbänden enthalten sind und in wenigen ausgewählten Beispielen hier wiedergegeben werden.
Zusätzlich zu den Akten findet sich in der Amtsbücherei zum einen eine Festschrift zum 50jährigen Jubiläum der freiwilligen Sanitätskolonne des Roten Kreuzes Augsburg aus dem Jahr 1926 (I 13 1579) mit Berichten der mobilen Einsatzzüge 4 und 5 über ihren Einsatz in Frankreich. Zum anderen gibt es die Tagebuchblätter einer Augsburgerin aus dem Kriegsjahr 1914 (Verfasserin Marie Reiser-Doerzapf). Die Schrift ist ziemlich schwer zu lesen, doch bietet das Tagebuch viele Einzelheiten.

 

c) Zu den Einsatzmöglichkeiten der Archivalien im Unterricht

Wie in jedem anderen Archiv auch setzt die Arbeit mit Originalquellen zunächst die Auswahl durch die Lehrkraft voraus. Eine Vorstrukturierung des Materials ist ebenfalls unerlässlich! 

Auf der Basis der von mir eingesehenen Akten lassen sich mehrere Schwerpunkte setzen: 

  • Die Entwicklung der Lebensmittelversorgung durch die gesamten Kriegsjahre (11+13) 

  • Die Unterbringung und Versorgung der Kriegsgefangenen samt den damit verbundenen Problemen (357) 

  • Die Wohltätigkeitsveranstaltungen zugunsten der Soldaten (437, 438)

  • Die Liebesgaben für die Soldaten sowie die verordneten Sammlungen der unterschiedlichsten Dinge (354, 438, 431, 120, 130, 131, 199 und 210) 

Empfehlenswert für den Einsatz im Unterricht sind die Nummern 354, 437 und 438 wegen der zahlreichen Plakate, Festprogramme etc. 

Generell ist zu jedoch bemerken, dass sich die meisten dieser Akten auf zu verallgemeinernde Aspekte des Alltags im Krieg beziehen. Spezielle Augsburger Stadtgeschichte lässt sich nur anhand weniger Dokumenten erschließen. Daher können auch Schüler von Schulen außerhalb Augsburgs gut mit diesen Materialien arbeiten. 

 

d) Zu Intention der Unterrichtmaterialien 

Natürlich musste hier eine sehr subjektive Auswahl getroffen werden, die hauptsächlich einige ‚Highlights' anschaulicher Art aus dem Aktenbestand präsentiert und damit Appetit machen soll auf die Beschäftigung mit Archivalien, die nicht nur aus trockenen Fakten und amtlichen Verlautbarungen bestehen. Damit lässt sich selbstverständlich nicht der gesamte Alltag eines Augsburgers nachvollziehen. Die Schüler könnten sich aber in Gruppen mit den verschiedenen Facetten beschäftigen und am Ende in einer Zusammenschau doch einiges von dem Mangel entdecken, der diese Zeit vornehmlich prägte.
Die Materialien sind zum Teil verkleinert abgebildet; an den Rändern abgeschnittene Dokumente sind so gewollt - Sie sollen sich nicht Kopien aus dem Internet ziehen, sondern die Originale im Stadtarchiv ansehen - oder zumindest den Ordner mit dem gesamten Projekt und den Quellen in Kopie.
Vorangestellt sind einige Informationen zu Augsburg und dieser Zeit sowie (da die Akten hierzu wenig hergeben) einige Aspekte über den Kriegsalltag am Gymnasium bei St. Anna.

 

1. Hintergrundinformationen

a) Der Erste Weltkrieg und Augsburg

Wir vom Jahrgang 1898 konnten es damals kaum erwarten, bis wir im Spätherbst 1916 eingezogen und gemustert wurden. In naiver Ungeduld befürchteten wir, der Krieg könnte ohne unsere Beteiligung zu Ende gehen. Ach, und wie hat er uns dann alle noch eingeholt, hat uns hineingerissen in die Schlachten vor Amiens und Verdun, in Flandern und an der Somme, und vielen, allzu vielen, war die Rückkehr in die Heimat nicht mehr vergönnt. (Adolf Köberle in: Nachrichtenblatt der Societas Annensis 1962) 

Die Atmosphäre in Augsburg zu Kriegsbeginn wird in einschlägigen Berichten so beschrieben: Vor den Anschlagtafeln mit den neuesten Nachrichten standen Menschentrauben, in überfüllten Gaststätten waren patriotische Gesänge zu hören, die Militärs veranstalteten Parademusik. Nach der Mobilmachung zogen junge Leute in Scharen zum Bahnhof, zu den Kasernen und zum Denkmal für die Gefallenen des Krieges 1870/71 im Fronhof. Am 2. August rückten die Reservisten ein, die Augsburger bestaunten den Ausmarsch der Bataillone, Kriegsfreiwillige rückten nach.

Augsburger Truppenteile kämpften z.B.: 

1914 in Lothringen, an der Somme, vor Arras 

1915 auf den Vimy-Höhen, in Galizien bei Gorlice und Tarnow 

1916 am Thiaumont-Rücken vor Verdun, bei Malancourt, an der Somme, in Wolhynien, Siebenbürgen und Rumänien 

1917 am Chemin des Dames 1918 vor Amiens, am Kemmel, seit Juli bei den Abwehrkämpfen an der Westfront 

 
Schon bevor sich abzeichnete, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen war, zeigten sich große Probleme in der Heimat, die sich natürlich auch in Augsburg auswirkten. Der Hurra-Patriotismus wich Hamsterkäufen, Familien wurden zu sozialen Härtefällen, da der Hauptverdiener im Feld stand. Auf dem Land machte sich der Arbeitskräftemangel bemerkbar, Hoferben starben im Krieg. Die städtischen Fabriken mussten die Produktion weitgehend einschränken, wegen Rohstoffmangels (die Engländer hatten eine Seeblockade verhängt; Baumwolle z.B. kam deshalb nicht mehr ins Land) und Kohlemangels. Man suchte fieberhaft nach Ersatzprodukten für Textilien oder Schuhe; Gummi und Stoffe benötigte das Heer. 1916 begann sich diese Mangelwirtschaft gravierend auszuwirken; der Winter 1916/17 ging als der Hungerwinter oder Steckrübenwinter in die Geschichte ein. Die Oberste Heeresleitung (OHL) unter Hindenburg und Ludendorff errichtete eine Militärdiktatur und führte die Bewirtschaftung von Nahrungsmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs ein, die meisten Fabriken wurden stillgelegt. Frauen begannen, die Arbeiten der Männer zu übernehmen (das sogenannte Hindenburgprogramm). Konkret wurden in Augsburg im März 1916 Buttermarken eingeführt, im Mai Fleischmarken, im September verkaufte die Stadt an verschiedenen Plätzen ihre Kartoffelvorräte - verschiedene Stellen deshalb, weil man dadurch hoffte, stundenlanges Schlangestehen vermeiden zu können. Im März 1917 wurde das Semmelbacken verboten, im Mai wurde die tägliche Brotration von 2000 auf 170g herabgesetzt. Da es aber keine Kartoffeln als "Ersatz" für Brot gab, mussten die Rationen wieder erhöht werden. Im Winter 17/18 gab es weniger Fett und Zucker und nur noch 1/8 Liter Milch pro Tag. 

Die Augsburger Bilanz: 3577 Gefallene, darunter 321 jünger als 20, 2 waren 16 Jahre alt. 

 
b) Der Krieg und die Schule: Das Gymnasium bei St. Anna 

Was wir bei Kriegsausbruch erlebten: Das Erwachen des deutschen Geistes, das Werden des deutschen Staatsgedankes, die Begründung des Deutschen Kaiserreiches; sie zeigt, wie die Jugend an den Gymnasien und den Universitäten an diesem Ringen um die deutsche Einheit und Freiheit ... sich mit Herz und Verstand beteiligte ... . Damit erweiterte sich der Gesichtskreis über die örtliche und zeitliche Begrenzung hinaus, läßt das Erlebnis von 1914 als eine mächtige Welle des durch diese hohe Zeit unserer vaterländischen Geschichte flutenden Stromes deutschen Geistes, deutscher Kraft erkennen. (Sigmund v. Raumer in der Vorrede zu "Von deutschem Geist und deutscher Jugend. Das humanistische Gymnasium bei St. Anna in Augsburg im Weltkriege" (1931)). 

 
V. Raumer, zur Zeit des Krieges Konrektor, beschreibt in diesem im Stil seiner Zeit und getreu der deutschnationalen Tradition gehaltenen Werk, dass man das Erbe der Väter zu wahren habe, gegen den Vernichtungswillen seiner Feinde und gegen den Geist, der das eigene Vaterland erschlägt. Die Verteidigung des einen großen Vaterlandes wurde den Schülern des Jahres 1913 folglich buchstäblich ans Herz gelegt. 

Der Kriegsausbruch überraschte die Annenser nach v. Raumers Worten dann doch, da er während des "Erholungsurlaubes" am 1. August 1914 erfolgte. 

Wir haben sie gesehen, diese festen, starken Menschen [als wir mit dem Zug heimwärts nach Augsburg fuhren]. Welch ein Leben in Stadt und Land ... Bauern in Trupps zu Fuß und auf Leiterwagen, Bürger, Studenten; überall erregt diskutierende Gruppen; nirgends ein Wort des Kleinmuts, des Zweifel an dem Ausgang des Krieges, aber ein Grundton des tiefen Ernstes, starke Zornesworte über die ruchlosen Friedensstörer, Worte des Schmerzes über die unausbleiblichen Verluste - bei der Jugend der Gedanke: "Hoffentlich kriechen wir nicht noch in letzter Stunde zu Kreuze: das wäre unerträglich!" In Augsburg das gleiche Bild ... 

 
Mobilmachung, Kampfbereitschaft auch in unserem St. Annagymnasium! Wenn wir heute uns vergegenwärtigen, was damals in diesem engen Kreise geschah: welche Fülle köstlichen Erlebens, an die wir mit Dank gegen Gott zurückdenken, der es uns mit Händen greifen ließ, daß er unsere Arbeit an unseren Söhnen und Schülern gesegnet habe - so v. Raumer weiter. Er berichtet dann von Schülern, die, noch bevor sie wußten, wie das Absolutorium (Abitur) für Kriegsfreiwillige zu regeln sei, in sein Zimmer kamen: Wir bitten Herrn Konrektor, bei unseren Eltern, die wegen unserer Zukunft noch Bedenken haben, dafür einzutreten, daß sie uns ins Felde ziehen lassen. V. Raumer weiter: Woher diese reife, feste Entschlossenheit dem Vaterland Treue zu halten bis in den Tod? Er zitiert dazu aus dem Brief eines Annensers, dessen Bruder Karl gefallen war, an seine Mutter (1915): daß die Hauptsache nicht ist wie lange gelebt, sondern wie gelebt und wofür gestorben wird. Karl und ich waren beide durch Anlage, Erziehung und Schule "unrettbar" und unzertrennlich mit unserem Volke und Vaterland verbunden, ein Glücklichsein ohne das des Vaterlandes wäre unmöglich gewesen uns so ist`s bei mir noch. 

 
In den Ferien war für kurze Zeit der Hollbau für eine Kompanie des 3. Landwehr- Infanterieregiments in Beschlag gelegt worden, aber am 15. September konnte die Schule planmäßig beginnen. Am 21. Oktober 1914 verließ der Zug mit den Kriegsfreiwilligen Augsburg. Zum Abschied sangen sie: So lebt denn wohl, wir müssen Abschied nehmen, die Kugel ist ins Flintenrohr gesteckt, und unser allerschönstes junges Leben wird einst im Krieg aufs Schlachtfeld hingestreckt. 

Auch Lehrer schlossen sich verschiedenen Truppenteilen an; v. Raumer selbst trat in eine freiwillige Sanitätskolonne ein. Um die ehemaligen Schüler mit Informationen über ihre Kameraden zu versorgen, brachte er die "Annenser Kriegsmitteilungen" heraus, die in Form einer Zeitung verschickt wurden. 

Die ersten Verwundetentransporte waren bereits am 20. August durch Augsburg gerollt, ab September 1914 veröffentlichten die Zeitungen die ersten Verlustlisten eines Augsburger Truppenteils. Von den Annensern, die Augsburg am 21.10. verlassen hatten, waren keine 14 Tage später 5 gefallen, 7 verwundet. 

 
Die Bilanz am Ende des Schuljahres 1914/15: 

Von den 38 Abiturienten 1913 waren 35 im Krieg - 12 Tote, 10 Verwundete 

Von den 30 Abiturienten 1914 dienten 24 - 9 Gefallene, 5 verwundet 

Von den 27 Schülern der Oberklasse waren es erst 26 dann alle - 6 Tote, 2 Verwundete Von den 25 Schülern der 8. Klasse waren 11 Kriegsfreiwillige - 3 Gefallene, 2 Verwundete

Aus der 7. Klasse gingen 4, aus der 6. Klasse 3, 4 waren noch nicht einmal 17 Jahre alt 

 
In der Schule selbst brachte der Ausfall von Lehrkräften, die freiwillig in den Krieg gezogen waren, Probleme für den Unterricht. Die Klassen 1-5 machten Wanderungen mit Spielen und militärischen Übungen, die über 16-jährigen nahmen an militärischen Jugendübungen teil. Die großen Siege unserer Heere wurden durch Freigabe des Unterrichts und durch eine Schulfeier mit entsprechenden Reden begangen. Die Notreifeprüfung für die Freiwilligen aus den Klassen 6-9 wurden vom 19.-23.1.1915 abgehalten; das reguläre Abitur am Ende des Schuljahres legten gerade noch 5 Schüler ab. Im Jahresbericht erläuterte Sigmund v. Raumer die militärische Laufbahn jedes Annensers, angereichert mit Zitaten aus deren Feldpostbriefen bzw. mit den Worten der Vorgesetzten über die Tapferkeit des gefallenen Soldaten. 

 

Im Schuljahr 1915/16 sammelten die Schüler 150,50 M für Musikinstrumente für eine Kompanie-Kapelle. Erfolgreicher waren sie bei der Metallsammelaktion: In 2 Jahren kamen über 12.000 M in Gold zusammen. Schüler zeichneten auch Kriegsanleihen: 15.400 M. 

 
Im Schuljahr 1916/17 waren die Klassen des Gymnasiums so zusammengeschrumpft, dass die Klassenzimmer im Holl-Bau von der Volksschule St. Anna belegt wurden. Der vaterländische Hilfsdienst hatte weitere Schüler von den Oberklassen abgezogen. Die 8. und 9. Klasse wurden zusammengelegt, ab Ostern waren die Schüler der 9. Klasse, ab Pfingsten auch die der 8. nicht mehr in der Schule. Eine Schlussfeier fand deshalb nicht statt. Krieganleihen wurden ebenfalls wieder gezeichnet, obwohl Soldaten selbst in Feldpostbriefen ihre Angehörigen gebeten hatten, nichts mehr zu geben, um den Krieg nicht zu verlängern. Man feierte den 70. Geburtstag Feldmarschall Hindenburgs - im kleinen Kreis, wie auch bei allen anderen Feiern, denn Heizmaterial war knapp, und so konnte dafür nur der Musiksaal genützt werden. Am 6. März galt es den Friedensschluss mit Russland zu begehen, am 26. 1. den Geburtstag des Kaisers und am 5.11.1917 einen Sieg in Italien. Als störend für den Unterricht wurde vermerkt, dass Schüler der 8. Klasse drei Mal für je 5 Tage Verladedienste auf dem Güterbahnhof zu leisten hatten und 25 Wehrkraftjungen wurden bei der Kartoffelernte eingesetzt. Eine ganze Reihe von Schülern der oberen Klassen meldete sich freiwillig zum landwirtschaftlichen Hilfsdienst. Sigmund v. Raumer schreibt: Wir stehen am Ende des 4. Kriegsjahres. Ohne Überhebung dürfen wir es mit Dank gegen Gott in bewundernder Anerkennung unseres Heeres ein Siegjahr nennen. Wir haben uns den Frieden im Osten erkämpft, und wenn nicht alle Zeichen trügen, nahen wir uns auch im Westen der Entscheidung. 

 
Und weiter: Vor dem Feind stehen wir nun eigentlich alle: die draußen im Kampfe mit Heeren aus allen Weltteilen, weißen, schwarzen, gelben und roten Wilden, wir daheim im Kampfe um unser wirtschaftlichen Durchhalten. [...] Daß neben dem Elternhaus auch die Schule mitarbeiten durfte unserem Volke den Reichtum deutscher Gemütstiefe, deutscher Kraft, deutschen Glaubens zu erhalten, die es befähigen, in einer Welt von Neidern und Hassern die Stirne zu bieten, ist uns eine freudige Genugtuung.

 
Die Bilanz des Anna-Gymnasiums: 136 Gefallene ab dem Jahrgang 1885. 

Karl Köberlin, der Chronist des Anna-Gymnasiums, bemerkt dazu sarkastisch, dass die Schüler das ‚dulce et decorum est pro patria mori' nicht umsonst gelernt hätten, was die Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen beweise. 

Das Kriegsende und der politische Neubeginn, der Aufbau der ersten Demokratie in Deutschland mit der Weimarer Republik findet im Jahresbericht 1918/19 schlicht nicht statt.

 

2. Vorschläge für die Arbeit mit den Quellen des Stadtarchivs 

a) Einige Informationen aus hier nicht im Original vorgestellten Dokumenten 

Nr. 357 Bestimmungen über die Abgabe von Kriegsgefangenen
Kriegsgefangene (in erster Linie Franzosen, aber auch Russen) wurden zu gemeinnützigen Aufgaben herangezogen, vor allem in der Landwirtschaft und bei Bauarbeiten. Ihre Unterbringung erfolgte durch den ‚Arbeitgeber', die Verpflegung durch die Heeresverwaltung. Ein ziemlich umfangreiches Schriftstück befasst sich mit dem Fund von Anweisungen, wie Sabotageakte durchgeführt werden sollten. Diese fanden sich in einem Kuchen eingebacken. Die Kriegsgefangenen konnten auf einem solchen oder ähnlichen Weg auch Material zur Brandstiftung oder Gift für das Vieh erhalten. Hauptsächlich sollten sie aber die Kartoffelernte zerstören durch die Vermischung von kranken mit gesunden Kartoffeln. 

Aus Akt 354 geht hervor, dass von der Bevölkerung im Rahmen der ‚Liebesgaben' auch Fahrräder für die Bewachung der Gefangenen gespendet bzw. ausgeliehen wurden. 

 
Nr. 368 Presse während des Krieges 
Dieser Akt enthält lange Listen von Titeln der Propagandapostkarten und Warnungen vor feindlichen Flugblättern. 

 
Nr. 120 Herstellung von Streckwurst
Vornehmlich Rüstungsbetriebe sollten Fleischprodukte erhalten, die aus minderwertigem Fleisch und Streckmitteln wie Graupen, Kartoffeln, Kraut und Fisch bestanden. Hackfleisch, Leberkäse und Streichwurst eigneten sich dafür besonders. Mit der Herstellung wurden einzelne Metzgerbetriebe betraut, die wiederum über den Mangel an Salz klagten, da dieses weitgehend in der "kriegswichtigen Waschmittelindustrie" benötigt werde. 

 
Nr. 199 Sammlung von Obstkernen
Für die Ölherstellung wurden neben Kastanien (Akt 201) Obstkerne gesammelt. Pro Kilo Steinobstkerne (Kirschen, Pflaumen, Zwetschgen, Mirabellen, Reineclauden) wurden 10 Pfennig bezahlt, für Kürbiskerne 15 Pfennig und für Apfelsinen- und Zitronenkerne 35 Pfennig. 

 
Nr. 130 Kaninchenfleisch
Hier wird erwähnt, dass Münchner auf dem Augsburger Kaninchenmarkt Tiere aufkauften und schlachten ließen - Fleisch, das damit der einheimischen Bevölkerung nicht mehr zur Verfügung stand.

Diesen Akten ist gemeinsam, dass sie sehr speziell sind und Sachinformationen nur sehr mühsam erschlossen werden können, obwohl gerade die drei letztgenannten die Quellen zur Nahrungsmittelversorgung ergänzen können.

 

 b) Vorschläge für den Umgang mit hier vorgestellten Materialien

Aspekt 1: Der Einsatz der Schüler

Dies ist die einzige gefundene Quelle zum Bereich Schule (Nr. 349).

Wichtig zur Erklärung für die Schüler: 

  • Solche Einsätze in der Landwirtschaft werden in der NS-Zeit institutionalisiert 
  • Jeder, auch die Jugend, hat einen Anteil an der Aufrechterhaltung der Versorgung in der Heimat zu leisten - Ideen, die von der OHL kommen und später ebenfalls nur übernommen werden
  • Die Arbeit der Schüler dient einem doppelten Zweck: Unkrautjäten und der Versuch, neue Futtermittel zu erhalten 
  • So lernen die Kinder frühzeitig, dass alles einen Zweck erfüllen kann, nichts darf "vergeudet" werden 

Aspekt 2: Antisemitismus

Gegen dieses Couplets des Komikers Ottl, dessen Text auf Konzertveranstaltungen des "Künstlers" verkauft wurde, wandte sich die Ortsgruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in einem Schreiben an den Stadtmagistrat vom 15.10.1918. Reaktion: Beschlagnahmung des Couplets sowohl beim Künstler als auch beim Drucker. (einsehbar im Akt Nr. 368 und im Heft im Stadtarchiv) 

Die Schüler können hier sehen, dass "der Jud" als solcher als Sündenbock für den schon verlorenen Krieg herhalten muss. Sie können erkennen, wie unwahre, pauschale Behauptungen unter dem Deckmantel der Komik die Sicht der hungernden Bevölkerung von den Juden beeinflussen können. Solche antisemitischen Äußerungen gehen auf das 19. Jahrhundert zurück (speziell in Bezug auf das Motiv Sozialneid) und sollen vom Unvermögen der politisch Handelnden ablenken. Hitler macht sich die Idee von den Juden als Kriegsverursacher und Kriegsgewinnler zu Nutze. Da die "deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens", wie sie sich korrekterweise bezeichnen, durchaus aktiv am Krieg teilnahmen, konnten viele von ihnen später nicht verstehen, warum Hitler sie ausgrenzen wollte. 

Inwieweit der Stadtmagistrat (der Stadtrat) aus Überzeugung handelte, als er die Kriminalpolizei anwies, das Textblatt einzuziehen, kann durchaus kontrovers diskutiert werden.

Aspekt 3: Die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln

Hierzu zwei Beispiele, die arbeitsteilig bearbeitet werden können:

Augsburg, 3. August 1916 Akt Nr.13

Beispiel 2 (1917): Akt Nr.131

Die Schüler sollten sich mit folgenden Fragen beschäftigen und ihre Ergebnisse vergleichen:

  1. Art des Nahrungsmittelangebots

  2. Mengen und Preise (ersteres könnte auch im Unterricht durch Mitbringen der genannten Pro-Kopf-Mengen visualisiert werden)

  3. Bezieher der Nahrungsmittel

  4. Daraus ergibt sich: Anspruch und Wirklichkeit

  5. (zu Bsp. 2) Intention des Flugblatts

 
Aspekt 4: Kriegsalltag in der Tageszeitung


(Die gesamte Zeitung kann im Archiv eingesehen werden)

Der obere Ausschnitt aus der Titelseite kann einerseits zur Erläuterung von Propagandamechanismen und Kriegseuphorie herangezogen werden, andererseits kann die Verbindung zu 1.b) hergestellt werden: Auch Schüler wurden angehalten, solche Kriegsanleihen zu zeichnen. Unter anderem mit diesen wurde die zwangsläufig entstehende Inflation zunächst verschleiert. Ab 1918 wurde diese jedoch offensichtlich und fand 1923 ihren Höhepunkt - der vielzitierte Vertrag von Versailles war daran nur indirekt "schuld". 

Der untere Ausschnitt (obere Hälfte des Blattes) zeigt die Vermischung von ‚Normalem' und Kriegsalltag. Für die Schüler bietet sich hier und auf Anzeigenseiten dieser oder anderer Tageszeitungen eine Fülle von Möglichkeiten, die Realität der Kämpfe anhand von manchmal recht zufällig eingestreuten Anzeigen zu erkennen.

Hierzu noch ein weiteres Beispiel vom 2. April 1918:

Die gesamte Ausgabe dieser Zeitung ist eigentlich nur dem Kriegsverlauf und den deutschen Heldentaten gewidmet. Deshalb empfiehlt sich außerhalb der Arbeit im Archiv eine kritische Analyse einer Zeitung aus dem Jahr 1914, eventuell im Vergleich mit einer Ausgabe aus dem Jahr 1918 vor allem in sprachlicher Hinsicht.

 
Aspekt 5: Hilfe für die Soldaten im Feld und deren Familien

Materialien für Gruppenarbeit

Beispiel 1: die sogenannten Liebesgaben

Beispiel 2: Schreiben des 2. bayer. Landst-Inf-Batl. an den Sehr Verehrlichen Stadtmagistrat Augsburg vom 3.4.1915

Zu Beispiel 1 gehört ein großformatiges Plakat der Kriegsfürsorge der Stadt Augsburg vom 14.8.1914 mit den Adressen der Zeitungen und Bankhäuser, die "Liebesgaben an Geld und Geldeswert für die Familien unserer braven Soldaten" entgegennahmen. Diese konnten auch beim Oberbürgermeister persönlich in dessen Wohnung oder im Amtszimmer des Polizeigebäudes abgegeben werden. 

 

Darunter findet sich folgender Text: Mitbürger! Edle Frauen und Männer! Helft mit allen Kräften, die Fürsorge für unsere Schützlinge recht ausgiebig und wirksam betätigen zu können. Mindert dadurch die Sorgen unserer tapferen Krieger für ihre Lieben. Tut für sie, was ihr könnt. Wer bald gibt, gibt doppelt ... Alles für's Vaterland! (Akt Nr. 357)

 
Beispiel 3: Wohltätigkeitsveranstaltungen

Vorschläge zur Arbeit mit diesen Plakaten:

Die jeweiligen Gruppen sollten die Texte nach den Adressaten, dem (vielleicht über den eigentlichen hinausgehenden) Zweck und dem Sinngehalt dieser Veranstaltungen bzw. Sammlungsaktionen untersuchen.

 
Fragenkomplexe für die Problematisierung nach der Gruppenarbeit:

  1. Wann und wo endet die reine Wohltätigkeit? 

  2. Wo liegen die Schwerpunkte der Aktionen?

  3. (Beachte die Termine dieser Veranstaltungen!) Wie wird sich wohl die Spendenbereitschaft der Bevölkerung weiterentwickeln? 

  4. Inwieweit passen diese Veranstaltungen zum so genannten Hurra-Patriotismus dieser Zeit?

  5. Mit welchen Mitteln wird gearbeitet, um die Zuschauer/Zuhörer im Sinne des Veranstalters zu manipulieren?

  6. Im Vergleich zu heute: Wie viel der gesammelten Gelder kommt bei den Bedürftigen wirklich an? 

 
Aspekt 6: Die verordneten Sammlungen

Im Gegensatz zu den anfänglichen freiwilligen und relativ unkoordinierten Leistungen aus der Bevölkerung wurde mit zunehmender Kriegszeit die Sammlungstätigkeit institutionalisiert.

 Beispiel 1: Opfertagmarken

Hierzu gab es eine sogenannte Erinnerungskarte, in die die Marken eingeklebt wurden. Darauf heißt es: "Zum Schluss des Opfertages findet eine Verlosung von 20 Prämien bestehend aus Gemälden und kunstgewerblichen Gegenständen statt", an der jede Karte teilnimmt.

Beispiel 2: Die Augsburger Windelwoche

Beispiel 3: Die Reichs-Woll-Woche

(Akten 437 und 438)

In den genannten Akten finden sich auch eine Reihe Fotos, die Gruppen von Spendern vor der Abgabestelle zeigen oder die Berge der gesammelten Babywäsche. Frauen, Kinder und Uniformierte sind zu sehen; ein Soldat hält im Vordergrund ein Baby auf dem Arm.

Diese beiden Zeitungsanzeigen aus der Neuen Augsburger Zeitung (Windelwoche vom 2.4.1918) können zusammen mit Beispiel 4 (Frauenhaar-Sammlung) alternativ oder zusätzlich zu den vorher aufgeführten Materialien zu den Liebesgaben behandelt werden. Die Fragestellungen sind in etwa dieselben, wobei hier noch der Aspekt eines gewissen Sammelanreizes in Form von Verlosung, Ehrenabzeichen etc. dazukommt. Die meist selbst bedürftigen Sammler werden z.B. bei der Wollwoche auch aus den Spendengeldern bezahlt.

Der zusätzliche Aspekt dieser Materialien bezieht sich auf den Ersatz von im Krieg nicht herstellbaren Produkten. Dem Einfallsreichtum waren kaum Grenzen gesetzt. Man versuchte, aus Brennnesseln Stoffe herzustellen, Schuhe hatten Holz- statt Gummisohlen (britisches Monopol auf Gummibäume!), als Hauptnahrungsmittel dienten zeitweise Steckrüben, aus denen man von Marmelade bis zu panierten Schnitzeln beinahe alles machen konnte. Frauen übernahmen jetzt Männerarbeiten; Deutschland hungerte und fror wegen des Kohlenmangels.

Angesichts dieser Tatsachen ist es kein Wunder, dass alles willkommen war, was sich weiterverarbeiten ließ. (Inwiefern die bei der Reichswollwoche gesammelten "gut erhaltenen Teppiche, Läufer, Kokos- und Strohmatten für die Schützengräben" den Soldaten wirklich halfen, sei dahin gestellt ...)

 
Ein ganz spezielles Sammelgut waren Frauenhaare, die zu Dichtungsringen, Treibriemen und Filz verarbeitet wurden.

Beispiel 4: Die bayerische Frauenhaar-Sammlung


(Akt 431)

3. Nachbereitung im Unterricht; weiterführende Tipps

Die hier vorliegenden Materialien können am Besten am Beginn der Besprechung des 1. Weltkriegs eingesetzt werden - dann hauptsächlich unter den Gesichtspunkten Patriotismus, Propaganda und was daraus im Kriegsverlauf wurde. Dies ergibt sich durch die Vorstellung der Gruppenergebnisse der Archivarbeit.
Der Verlauf des Krieges kann vorher oder danach besprochen werden. Die Schüler sollen insbesondere erkennen, dass ein Krieg nicht nur an der Front gekämpft wird, sondern dass die Bevölkerung in hohem Maße von dessen Folgen betroffen ist. Daran hat sich auch bei heutigen Kriegen nichts geändert.
Bei der Besprechung des Alltags im 2. Weltkrieg kann auf die Ergebnisse zurückgegriffen werden.
Gute Informationen zum Thema Ersatzstoffe und der Text des als Hindenburgprogramm bekannten Gesetzes über den vaterländischen Hilfsdienst sind auf der Website des Deutschen Historischen Museums Berlin zu finden:

http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/hdg/index.html
http://www.dhm.de/lemo/html/wk1/forschung/ersatz/index.html

Eine gute Ergänzung bildet ein Besuch im Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt. Das Reduit Tilly widmet sich ganz der Vorgeschichte und dem Verlauf des 1. Weltkriegs. Dort kann man z.B. in einem nachgebauten Schützengraben eine gewisse Vorstellung vom Alltag der Soldaten bekommen.