Zurück

Die Säkularisierung 1803 in Bayern

Sie haben den Pfaffen nichts übrig gelassen als die Augen zum Weinen (Christian Ludwig Fortbach)

Bausteine für eine Unterrichtseinheit für die 8. und 11. Klasse im Rahmen des Projekts "Schule und Archiv": Staatsarchiv Augsburg (Dr. Claudia Kalesse) Gymnasium bei St. Anna, Augsburg (Dr. Renate Weggel)

Baustein 1: Hintergrundinformation zur Säkularisation
Baustein 2: Kloster Kaisheim
Baustein 3: Kloster Ottobeuren
Baustein 4: Augsburg fällt an Bayern
Baustein 5: Ergebnisse und Folgen der Säkularisation

Allgemeine Vorbemerkung:

Da sich in den im Historischen Forum veröffentlichten Projekten immer wieder Hinweise auf die Vor- und Nachbereitung der Archivarbeit sowie zum Ablauf eines Archivtags finden, soll hier darauf verzichtet werden.
Ziel ist vielmehr die Verbindung allgemeiner Informationen zum Thema Säkularisation mit konkreten Akten über das Kloster Kaisheim aus dem Staatsarchiv Augsburg. Damit sollen auch Anregungen gegeben werden, wie man mit Materialien über ein anderes, wohnortnahes Kloster arbeiten könnte. Ebenso wurde bewusst auf Arbeitsblätter verzichtet. Stattdessen finden sich Vorschläge für mögliche Fragestellungen oder Arbeitsaufträge.
Die Zusammenstellung von Hintergrundinformationen erschien mir besonders wichtig, da diese einen besonderen Zeitaufwand erfordert, weil es doch einiges an Sekundärliteratur gibt und gerade Zahlenmaterial in den Schulbüchern kaum zu finden ist. Deshalb sind auch Texte und Bilder aus dem Internet entnommen worden, denn auch die Suche nach ihnen ist im Schulalltag manchmal schwierig und in jedem Fall zeitintensiv.
Ein weiteres Anliegen war mir, den vorgegebenen Rahmen einer Unterrichtseinheit von drei Stunden nicht durch eine Fülle von Materialien zu sprengen. Darum erfolgt hier die Schwerpunktsetzung auf die konkreten Umstände der Auflösung einer barocken Klosterherrschaft in ihren verschiedenen Facetten: einmal die Gebäude mit ihrem Inventar, einmal die Einnahmen und Ausgaben, einmal die von der Auflösung betroffenen Personen.
Da auch Reichstädte an Bayern fielen, soll am Beispiel Augsburgs erläutert werden, warum Bayern daran großes Interesse hatte und warum die Säkularisation und Mediatisierung genauso wie auf den flachen Land ohne allzu große Proteste ablaufen konnte.
Im letzten Teil finden sich Angaben zu den Gewinnen und Verlusten, zu Gewinnern und Verlierern der Säkularisation.
Quellen- und Literaturangaben finden sich am Ende des Dokuments. Die Internetseiten sind direkt im Text bzw. bei den Bildern angeben.

Baustein 1: Hintergrundinformation zur Säkularisation

Säkularisation (von lat. Saeculum "Jahrhundert", "Zeitalter", "irdische Welt") bedeutet wörtlich "Verweltlichung". In der deutschen Geschichte gab es immer wieder Säkularisationen. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff Säkularisation aber hauptsächlich auf die ab 1802 gegenüber der Kirche im Reich getroffenen - durch das Reichsgesetz vom 25.2.1803 (Reichsdeputationshauptschluss) sanktionierten - Maßnahmen bezogen.
Man unterscheidet dabei verschiedene rechtliche Vorgänge: auf der einen Seite die Herrschaftssäkularisierung oder Mediatisierung ("Mittelbarmachung") der bischöflichen Hochstifte und Reichsabteien, die damit ihre Reichsunmittelbarkeit verloren; auf der anderen Seite die Vermögenssäkularisierung, d.h. den Einzug des Vermögens der Stifte und Klöster im allgemeinen.
Die Vorgänge gingen Hand in Hand mit der Aufhebung dieser Institutionen. Erhalten blieben die Diözesen als geistliche Einrichtungen, mit dem Bischofsamt, der geistlichen Verwaltung, den Dekanaten und den Pfarreien mit ihrem Stiftungsvermögen.

Freising 1803 (Programm zur Ausstellung), S. 8
Die Säkularisierung und Mediatisierung des Jahres 1803 ist kein singuläres, plötzlich eintretendes Phänomen, sondern basiert auf ganz konkreten Vorplanungen:

  1. der napoleonischen Politik, den beiden deutschen Großmächten Preußen und Österreich ein ‚drittes Deutschland' gegenüberzustellen, das aus leistungsfähigen, mittelgroßen Staaten besteht, die aber wiederum nicht so stark sind, um sich gegenüber Pr oder Ö durchzusetzen, und die deshalb ihr Heil im Anschluss an Frankreich suchen müssen. Diese Staaten müssen sich territorial vergrößern, und das kann nur durch Aufhebung kleinerer Herrschaften bzw. Landtausch erfolgen. Dies ist der Hintergrund für den Frieden von Lunéville vom 9.2.1801.
  2. der im Zuge der Aufklärung aufkommenden Behauptung, geistliche Herrschaft sei an sich absurd.
  3. der daraus resultierenden Säkularisationsbestrebungen in Frankreich 1789 und der Versuche in Preußen und Österreich zur Zeit des aufgeklärten Absolutismus - vgl. auch das Verbot des Jesuitenordens.

Somit bot es sich an, sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: territoriale Machterweiterung und Machterweiterung des Herrschers gegen die Kirche.
Mit großem Widerstand rechnete man nicht, denn die Säkularisation in Frankreich hatte sich ohne große Proteste des Klerus verwirklichen lassen. Gebietsvergrößerungen bringen per se Machterweiterung des Fürsten mit sich, so dass nicht einmal der Kaiser "der Verlockung widerstehen [konnte], die im Angebot so großer Arrondierungsmöglichkeiten lag." (Kraus, S. 370)

Die konkrete Vorgeschichte:

3.6.1802 Mediationsakte zwischen Frankreich und Russland - diese ist Grundlage für den Reichsdeputationshauptschluss. Sie wird der Reichsdeputation vorgelegt und von dieser im November angenommen. Bereits zuvor waren aber sowohl preußische als auch kaiserliche Truppen in geistliche Territorien einmarschiert; im September folgte Bayern diesen Beispielen. Im Dezember wurde der Plan vom Kaiser gebilligt und trat schließlich am 25.2.1803 als Reichsdeputationshauptschluss (RDHS) in Kraft.

Entscheidend ist hier zunächst der § 1:

Hauptschluß der außerordentlichen Reichsdeputation.
["Reichsdeputationshauptschluß"]

Vom 25. Februar 1803.

[...]

Die Austheilung und endliche Bestimmung der Entschädigungen geschieht, wie folgt:

§ 1

Sr. Majestät dem Kaiser, Könige von Ungarn und Böhmen, Erzherzoge von Oesterreich, für die Abtretung der Landvogtei Ortenau: die Bisthümer Trient, und Brixen, mit ihren sämmtlichen Gütern, Einkünften, eigenthümlichen Besitzungen, Rechten und Vorrechten, ohne irgend einige Ausnahme; und die in diesen beiden Bisthümern gelegenen Kapitel, Abteyen und Klöster; unter der Verbindlichkeit jedoch, sowohl für den lebenslänglichen Unterhalt der beiden jetzt lebenden Fürstbischöfe und der Mitglieder der beiden Domkapitel, nach einer mit solchen zu treffenden Übereinkunft, als auch für die hierauf erfolgende Dotation der bei diesen beiden Diöcesen anzustellenden Geistlichkeit, nach dem in den übrigen Provinzen der Oesterreichischen Monarchie bestehenden Fuße zu sorgen. Alle Eigenthums- und übrigen Rechte, die Sr. Majestät dem Kaiser und König als Souverain der Erbstaaten und als höchstem Reichsoberhaupte zustehen, bleiben Ihnen vorbehalten, in so ferne diese Rechte mit der Vollziehung gegenwärtiger Urkunde bestehen können; jene Rechte hingegen, worüber besonders verfügt worden ist, gehen an die neuen Besitzer über.

(www.documentarchiv.de)

Die Situation in Bayern

Schon 1797 hatte Minister Montgelas einen Arrondierungsplan vorgelegt.
Am 25.1.1802 wurde eine Instruktion erlassen, in der eine Kommission für Klosterwesen den Auftrag erhielt, das Vermögen der landständischen Klöster zu inventarisieren.
Am 3.11.1802 veranlasste er eine landesherrliche Verordnung, die erklärte, das Vermögen sämtlicher Mediatklöster gehöre zur Entschädigungsmasse und stünde damit zur freien Disposition des Landesherren. Hintergrund dafür war schlicht der Geldmangel. Die für den Staatshaushalt benötigten 750.000 fl (Gulden) sollten durch den Verkauf der gesamten Klosterinventare und deren Gebäude und Landbesitz aufgebracht werden. Die Durchführungsbestimmungen dazu wurden auf Grund von Montgelas Bestrebungen als § 35 in den RDHS aufgenommen.
Dass damit auch der Prälatenstand (der 2. Stand) aufgehoben wurde, stand zwar nicht im Vordergrund, war aber auch aus verfassungspolitischen Gründen sehr willkommen. Deshalb spricht man auch von der Herrschafts- und der Vermögenssäkularisation.

Als Rechtfertigung dienten zwei Aspekte:

  1. Ca. 70% der landwirtschaftlichen Nutzfläche waren in der Hand der Kirche

  2. Die kleinen Territorien waren zur "Weiterbildung zum modernen Staat kaum fähig" (Spindler, S. 14)

§ 35

Alle Güter der fundirten Stifter, Abteyen und Klöster, in den alten sowohl als in den neuen Besitzungen, Katholischer sowohl als A.C. Verwandten, mittelbarer sowohl als unmittelbarer, deren Verwendung in den vorhergehenden Anordnungen nicht förmlich festgesetzt worden ist, werden der freien und vollen Disposition der respectiven Landesherrn, sowohl zum Behuf des Aufwandes für Gottesdienst, Unterrichts- und andere gemeinnützige Anstalten, als zur Erleichterung ihrer Finanzen überlassen, unter dem bestimmten Vorbehalte der festen und bleibenden Ausstattung der Domkirchen, welche werden beibehalten werden, und der Pensionen für die aufgehobene Geistlichkeit, nach den unter theils wirklich bemerkten, theils noch unverzüglich zu treffenden näheren Bestimmungen.

Die Gebietsverluste und -gewinne Bayerns

Verluste:
Insgesamt ca. 200 Quadratmeilen; 730.000 Einwohner

Gewinne:
Insgesamt ca. 288 Quadratmeilen; 843.000 Einwohner
(Im Vergleich dazu: Preußen wird ca. 7x, Baden ca. 8x größer)

Von der Säkularisation ihrer Klöster waren 4469 Mönche, Chorherren und Nonnen betroffen. Zusammen mit den Pfarrern belief sich der Klerus auf nicht ganz ein halbes Prozent, gemessen an der Gesamteinwohnerzahl von ca. 1,2 Millionen.

Die Gebiete im Einzelnen sind in § 2 des RDHS festgelegt:

§ 2

Dem Kurfürsten von Pfalz-Baiern für die Rheinpfalz, die Herzogthümer Zweibrücken, Simmern und Jülich, die Fürstenthümer Lautern und Veldenz, das Marquisat Bergopzoom, die Herrschaft Ravenstein, und die übrigen in Belgien und im Elsaß gelegenen Herrschaften: das Bistum Würzburg unter den hernach vorkommenden Ausnahmen; die Bisthümer Bamberg, Freisingen, Augsburg, und das von Passau; mit Vorbehalt dessen, was § 1 dem Erzherzoge Großherzoge davon bestimmt ist, nebst der Stadt Passau, derselben Vorstädten, und allen und jeden Zugehörden diesseits des Inn und der Ilz, und überdieß noch einen von ihren äußersten Enden an zu nehmenden Bezirk von 500 franz. Toisen im Durchschnitt. Ferner: die Probstey Kempten, die Abteyen Waldsassen, Eberach, Irrsee, Wengen, Söflingen, Elchingen, Ursberg, Roggenburg, Wettenhausen, Ottobeurn, Kaisersheim und St. Ulrich; überdieß die geistlichen Rechte, eigenthümlichen Besitzungen und Einkünfte, welche von den in der Stadt und Markung Augsburg gelegenen Kapiteln, Abteyen und Klöstern abhängen, mit Ausnahme jedoch alles dessen, was in besagter Stadt und derselben Markung selbst begriffen ist. Endlich die Reichsstädte und Reichsdörfer: Rothenburg, Weissenburg, Windsheim, Schweinfurt, Gochsheim, Sennfeld, Kempten, Kaufbeurn, Memmingen, Dinkelsbühl, Nördlingen, Ulm, Bopfingen, Buchhorn, Wangen, Leutkirch und Ravensburg, nebst ihren Gebieten mit Einschlusse der freien Leute auf der Leutkircher Haide.
Es findet keine Vermehrung der Festungswerke der Stadt Passau statt. Sie werden lediglich unterhalten, und es wird kein neues Festungswerk in den Vorstädten angelegt werden. Der Kurfürst von Pfalz-Baiern erhält überdieß in vollen eigenthümlichen und Landeshoheits-Besitz nach den vorerwähnten Bedingnissen die von dem Antheile des Erzherzogs Großherzogs getrennten Theile von Eichstädt, wobei der fernere Bedacht auf einen Territorialersatz dessen, was dem Kurfürsten von Pfalz-Baiern noch für das ihm vorhin angewiesene Bisthum Eichstädt abgeht, vorbehalten wird.

Im Einzelnen (und in heutiger Schreibweise):

Trotzdem war noch kein geschlossenes Staatsgebiet erreicht, denn es ‚fehlten' noch:

Das Herzogtum Berg lag außerhalb des neuen Staates.

Hubensteiner, Vorsatzblatt

Baustein 2: Das Kloster Kaisheim

A Information zum Kloster:

Orden: Zisterzienser (Sacer Ordo Cisterciensis = SOCist)
Diözese: Augsburg
Gründungszeit: 1133
Gründer: Graf Heinrich III. von Lechsgemünd und seine Gemahlin Liukardis
Geschichte: Wohl seit 1370 Reichsstift, aber erst 1656 als reichsunmittelbar anerkannt. Der Vertreter auf den Reichstagen nahm auf der Bank des rheinischen Prälatenkollegiums Platz. Die niedere Gerichtsbarkeit im Territorium des Stifts übte Pfalz-Neuburg aus. Seit 1628 trug der Abt den Titel eines kaiserlichen Rats, obwohl die Äbte nicht adelig waren. 1771 war Abt Cölestin II. Angelsbrucker gegenüber König Ludwig XIV. von Frankreich als Vermittler über die Zukunft des Ordens tätig.
Aufhebung:  1802
Weiternutzung: Die Anlage wurde zunächst vom bayerischen Staat militärisch besetzt. Anschließend diente Kaisheim als Zentralkloster der aufgelösten bayerischen Ordensprovinz der Franziskaner. Seit 1816 wurden die Gebäude als Strafarbeitshaus und Zuchthaus genutzt. Im Jahre 1804 wurde in einem ehemaligen Kongregationssaal in Neuburg an der Donau die dortige neugegründete Bibliothek untergebracht. In diese wurden die wertvollen Bibliotheksregale des säkularisierten Zisterzienserklosters Kaisheim eingebaut. Sie waren mit Fuhrwerken über Donauwörth zur Donau und auf drei Schiffen nach Neuburg transportiert worden.
Lage:  Landkreis Donau-Ries

Marienmünster (erbaut 1352 - 1387)

    Kaisersaal des Klosters

www.kaisheim.de
www.hdbg.de

B Quellen des Staatsarchivs Augsburg und Möglichkeiten ihrer Umsetzung im Unterricht:

Die Quellen gliedern sich in drei Teile:

  1. Die staatliche Übernahme: Max Josephs Erlass und die von den Kommissären zu leistende Eidesformel
  2. Ein Ausschnitt aus dem Klosterinventar
  3. Die Einnahmen und die Ausgaben des Klosters

Zu 1.

® Absicht des Herrschers auf Grund der moderaten Formulierungen und der Erklärung am Anfang, warum die Abtei an Bayern gefallen ist: Aspekt der Kontinuität und damit die Wahrung von Sicherheit und Ordnung; Vermeidung von Widerstand oder gar Aufruhr …

® Frage nach der Verbindlichkeit/dem Stellenwert eines solchen Eides: Gehorsam, Genauigkeit, Pünktlichkeit bei der Erfüllung der Pflichten: Nicht jeder Beamte kann direkt kontrolliert werden; "Versuchung", etwas für sich selbst zu behalten …

Zu 2.

Die Transkription der Liste:

Hiervon sind theils, was bei der Versteigerung nicht verkauft werden konnte, theils auch, was unentbehrlich ist, noch vorhanden:

Kirchengeräthe

3 Meßbücher

7 Meßgewand, von verschiedenen in der Kirche gewöhnlichen Farben

1 Alb[e]

1 Altartuch

der Altar mit daran geziertes Cruzifix und Gemälden

Bettung

1 2-schläfriges Bett von Trilich [Drillich]

1 dito Unterbett

1 Pfühlen und

2 Küssen von Barchet [Barchent]

1 2-schläfriges Deckbett ferner von gleichem ?

Leinwand

2 blaue Bettziechen von Cöllestin [dem Abt]

2 Leintücher

2 Pfühlbeziechen

4 Küssenziechen

Tischzeug

2 ? Tischtücher für die Kelterleute

Schreinerwerck

1 viereckigter ? alter Tisch in der Gesindestube

1 Tresoir

1 Commod mit einem Aufsatz zur Aufbewahrung der ? Gelder

2 zweischläfrige Bettladen für die Kelterleute

1 einschläfrige Bettlade

1 Waschmang

3 alte grüne Sessel

Zinn

6 Zinnteller

1 Maaskanne

½ Maaskanne

Gemeiner Hausrath

12 Stück kleine Gemälde, die Apostel darstellend

Bei den Akten handelt es sich meistens die Weinberge bei Heilbronn betreffende, die somit für niemanden nützlich erschienen, ebenso wie die Berechnungen über das Ökonomiewesen von mehr als 150 Jahren, welche aber sehr unvollständig und daher unwichtig sind.

Problem dieser Liste: es sind nur die Dinge aufgeführt, die nicht verkauft wurden - teils, weil niemand sie wollte, teils, weil sie notwendigerweise im Kloster verbleiben mussten, wie es in der Vorbemerkung heißt. Ferner handelt es sich nur um einen Auszug aus einem längeren Verzeichnis.
Deshalb sollte man diese Liste in Verbindung setzen mit dem Text über die Säkularisation des Klosters Banz, abgedruckt im Geschichtsbuch für die 11. Klasse: Buchners Kolleg Geschichte, S. 271f. Dieser Text bietet auch die Möglichkeit, auf die Gewinne und Verluste einzugehen (siehe Baustein 5)
Alternative: Man lässt die Schüler eine eigene Inventarliste anhand eines Bildes eines Raumes aus einer barocken Residenz erstellen. Wer würde solche Gegenstände kaufen und warum?

Interessant an der Liste ist die Frage, was wohl keinen Käufer fand und was als "unentbehrlich" angesehen wurde. Warum waren z.B. Betten samt Bettdecken und -wäsche übrig geblieben? (Generell ist die Frage des Bettes und des Bettzeuges im Barock kulturhistorisch sehr interessant.)

Zu 3.:
Hierbei sind weniger die einzelnen Posten hervorzuheben als die Summen, mit denen auf der Einnahmen- und der Ausgabenseite zu rechnen war - immerhin über 100.000 Gulden. Wenn man den 1776 in Bayern eingeführten rheinischen Gulden (= 20 Schillinge = 3 Kreuzer) mit ca. 3.50 € zugrunde legt (laut Lexikon der Maß- und Währungseinheiten), so ergeben sich gewaltige Summen. Den Schülern wird klar, dass es sich bei den säkularisierten Gebieten um eigene kleine Staaten mit Steuereinnahmen und Personal- und Sachausgaben handelte, ganz vergleichbar mit z.B. heutigen Gemeinden. Zinseinnahmen sind ebenso vorhanden wie Ausgaben für die Straßenbenutzung, Pensionen sind zu zahlen und Gebäude zu unterhalten.
Unter dem Strich bleibt noch ein ansehnlicher Gewinn übrig.

Baustein 3: Kloster Ottobeuren

Säkularisation im Jahre 1802
Mit dem Anschluss an den Benediktinerorden (im 8. Jahrhundert), der als der älteste der Welt gilt, begann eine 1200 jährige Geschichte mit Höhen und Tiefen. Auf- und Niedergang wechselten sich ab, und als man glaubte, alle Auseinandersetzungen, Kriege, und Glaubensspaltungen mit Errichtung des monumentalen Bauwerkes von Kloster und Kirche überstanden zu haben, brachte 1802, knapp 50 Jahre nach Fertigstellung der Kirchen- und Klosteranlagen, die Säkularisation einen erneuten Rückschlag. Das Klosterwappen über dem Hauptportal wurde als Zeichen des Besitzwechsels durch das bayerische Wappen ersetzt. Alles was bisher dem Kloster gehörte, ging in Staatsbesitz über.
Die Verschleuderung des Klosterbesitzes begann am 21. März 1803. Gemälde, andere wertvolle Gegenstände, Pferde, Ochsen und Fahrzeuge wurden bis Ende Juni versteigert. Wälder wurden erst später verkauft, und zwar zwischen 1818 und 1825 ca. 500 Tagwerk Wald. Noch heute befindet sich der westlich von Ottobeuren liegende Bannwald in Staatsbesitz.
Mit dem Kloster verschwand auch die Klosterpfarrei. Markt und Klosterpfarrei wurden vereinigt. Nach Erklärung der bisherigen Klosterkirche zur Pfarrkirche der neu organisierten Pfarrei war die alte Pfarrkirche St. Peter am Marktplatz überflüssig. Diese sollte zunächst versteigert werden, was aber die Marktgemeinde zu verhindern wusste. Die bereits seit einigen Jahren geschlossene Kirche wurde 1813 in ein Schulhaus umgebaut. Auch der Friedhof, der die Kirche umgab, verschwand. Marien- und Alexanderbrunnen konnten ebenfalls nicht an ihrem Platz bleiben, so dass der Marktplatz in seinem Aussehen einschneidende Veränderungen erfuhr. Der ehemalige Pfarrhof der Kirche fand 1810 einen privaten Käufer, ebenso das ihm benachbarte ehemalige Schulhaus. Aus ersterem entstand die Weinstube zum Ratskeller (früher zum alten Pfarrhof), letzteres ist heute bekannt als Gasthaus zum Ochsen (Pizzeria Roma). Die Wallfahrtskirche in Eldern wurde abgebrochen, sie war nun ebenfalls überflüssig, nachdem die Wallfahrt 1803 verboten wurde. Kirche und Kloster wurden verkauft. Das gleiche Schicksal widerfuhr dem Kirchlein "St. Marx im Walde" im Günztal, nördlich von Ottobeuren. Für das ehemalige Benediktinerinnenpriorat Klosterwald wurde ein Interessent gefunden, so dass dieses in seiner Gesamtanlage erhalten bleiben konnte. St. Michel, die Buschelkapelle, wurde vorübergehend ein Jagdschlößchen für einen Adeligen und blieb so ebenfalls erhalten. Bereits im vorigen Jahrhundert konnte die Buschelkapelle ihrer alten Bestimmung zugeführt werden.
Anzunehmen ist, dass es schwer war, für solch ein Gebäude einen Käufer zu finden. Ein kleiner Teil des Gebäudes stand dem in Ottobeuren verbliebenen Konvent zur Verfügung. Andere Räume dienten als Rentamt und als Landgericht. Der andere, der größere Teil des Hauses stand leer. 1812-1814 wurde das Kloster Kriegsgefangenenlager für französische Kriegsgefangene. Später baute man einzelne Wohnungen ein, die jedoch schwer zu vermieten waren. Der äußere Trakt des Klosters wurde zur sogenannten Kaserne, welche heute etwa zur Hälfte im Besitz des Landkreises Memmingen ist und noch immer Kaserne genannt wird.
Die Zahl der Mönche verringerte sich laufend, da Neuaufnahmen nicht mehr möglich waren. Trotz Enteignung der Besitztümer konnte das Mönchtum in Ottobeuren nicht ausgelöscht werden. Unentwegt setzten die Mönche unter widrigen Bedingungen ihre Arbeit und ihre Treue zum Benediktinerorden fort. 1834 wurde ihre Ausdauer belohnt, als König Ludwig I. den Orden wieder errichtete und den ersten Abt von Ottobeuren berufen konnte.
Dank des Einsatzes und der Bemühungen von Abt Placidus Glogger St. Stephan-Augsburg und Freiherr Theodor v. Cramer-Klett verfügte Papst Benedikt XV. die Wiedererrichtung der Abtei Ottobeuren. Bereits 1919 wird dies durch den Freistaat Bayern anerkannt. 1926 erhebt Papst Pius XI. die Kirche zur BASILIKA MINOR. 1964 erfolgt zur 1200-Jahrfeier der Abtei die Renovierung und Erneuerung von Kloster und Kirche.

www.ottobeuren.de

Die Basilika Ottobeuren

www.abtei-ottobeuren.de/kloster.html

Die folgende Liste der vom Kloster beschäftigten Personen zur Zeit seiner Auflösung kann als Ergänzung zu den Kaisheimer Archivalien gesehen werden. Zu einem Abt der Barockzeit gehört auch ein entsprechender Hofstaat, der neben Dienern auch Handwerker umfasst. Auch der Klosterhof will bewirtschaftet werden; das Kloster ist bei der Ernährung weitgehend autark. Selbst die Fischteiche für die Fastenzeit fehlen bei keinem dieser Klöster.
Ottobeuren ist ferner ein Musterbeispiel dafür, wie sich um das Kloster ein Ort mit Handwerkerschaft und einem kleinen Markt bildete.

Für die Schüler eröffnet sich mit allen Quellen die Perspektive, wie man sich die Verwaltung eines Klosters vorstellen muss und welche Schwierigkeiten sich allein bei der Inventarisierung der Gebäude und der Aufstellung der Kostenrechnungen ergaben. Wenn man sich vorstellt, wie oft dieser Vorgang in Bayern stattfand und welchen Beamtenapparat er erforderte, stellt sich wirklich die Frage von Kosten und Nutzen, die in Baustein 5 näher beleuchtet wird. Aber auch eine Verknüpfung mit Baustein 3 ist möglich: Personal, Inventar und Einnahmen und Ausgaben gehören zusammen. Auch wenn es sich bei den Angaben um solche aus verschiedenen Klöstern handelt, ist ihr Aussagewert doch beträchtlich.

Verzeichnis der 1802 vom Kloster angestellten Personen:

Kanzler
Medicus
Oberamtmann
Oberamtsrat
Kanzleirat und Amtsschreiber
Forstmeister
Registratoren
Kanzlist
Apotheker
Feldmesser
Magister
Gerichtsamman
Hofmeister zu Immenstaad und Sipplingen
Kastendiener
Gegenschreiber
Trompeter
Gärtner
Gartengeselle
Kegelaufsetzer
Wagnermeister
2 Wagnergesellen
Holzgärtner
Hofjäger
2 auswärtige Jäger
Fischermeister (zugleich Jäger und Trompeter)
Kutscher
Vorreiter
Baumeister
2 Stallknechte
4 Fuhrknechte
Karrer
2 Ochsenfutterer
Schweineknecht
Schweinemagd
Schweinehirt
Hennenmagd
Stubendiener
Unterer Torwart
Konventheizer
Holzträger im Konvent
Hofheizer
Maurermeister
Zimmermeister
Bräumeister
7 Bräuknechte

Bäcker
Bäckerknecht
Brunnenmeister
Küfermeister
3 Küferknechte
Kaminfeger
Kornmeister
Metzger
2 Metzgerknechte
Pfänder
Schmied
2 Schmiedknechte
Müller
Müllerknecht
Müllerbub
Schneidermeister
Schneidergeselle
Schreinermeister
Schreinergeselle
Tafeldecker
Kammerlaquai
Pfarrdiener
Hofstubendiener
Apothekerjunge
Refektoriumsdiener
Pförtner
2 Mesner
Nachtwächter
Oberer Torwart
Erster Koch
Zweiter Koch
Erste Köchin
Zweite Köchin
Beschließerin
2 Spülerinnen
Holzzuführer
Erste Näherin
Zweite Näherin und Betterin
Dritte Näherin und Betterin
Vierte Näherin und Betterin
Waschmagd
Erste Köchin im unteren Hof
Zweite Köchin im unt. Hof
Holzführer
Kaufbeurer Bote
Bote nach Memmingen
Amtsknecht zu Ottobeuren

15 auswärtige Amtsknechte
Scharfrichter zu Ottobeuren

Eldern:
Mesner
Gärtner
Klosterdiener
Ministrant
Köchin

Klosterhöfe:
Baumeister
Hauserin
2 Knechte
2 Mägde
Hirtenbub
18 weitere Dienstboten

24 Stadelmeister und
Zehentknechte
Ziegler zu Hawangen
Fischer zu Benningen
Zöllner
Schlossverwalter zu Erkheim
Weiherwart zu Attenhausen und bei Hl. Kreuz

Die Pfarrvikare der
inkorporierten Pfarreien

Pestläuter
Wetterläuter
Totengräber

Quelle: Staatsarchiv Augsburg

(Leider ist mir der Akt nicht mehr bekannt; die Liste stammt aus meiner Hauptseminararbeit über die Säkularisation des Klosters Ottobeuren, von der bei mir nur noch diese Liste existiert)

Baustein 4: Augsburg fällt an Bayern

Zwei Aspekte sind bei der Einverleibung Augsburgs durch Bayern entscheidend - auf der einen Seite natürlich die Umsetzung des RDHS. Von der Mediatisierung Augsburgs war dort nicht die Rede, aber - und dies ist der zweite Aspekt - Bayern hatte schon länger begehrliche Blicke auf Augsburg geworfen. Die Stadt selbst war, da der Lech die Grenze zu Bayern bildete, auf dessen Wohlwollen angewiesen. Der Kurfürst hätte so z.B. sehr leicht den Augsburger Handwerksbetrieben und Manufakturen das Wasser "abgraben" können.
Aber bevor Napoleon selbst in der Stadt erschien, kamen zunächst seine Truppen und forderten Quartier, Nahrungsmittel und Geld in Form von Kontributionen; die Vorgänge des Dreißigjährigen Krieges wiederholten sich mit all ihren Schrecken. Dazu Lorenz Werner, Geschichte der Stadt Augsburg (1900):
Von 1796 bis 1801 glich Augsburg mehr einem Heerlager oder einem großen Militärplatz als einer ruhigen Geschäftsstadt. Wochenlang standen Kosakenpferde auf den mit Heu und Stroh beschütteten Straßen, Monate hindurch hatten die Franzosen die Schlüssel zu den Toren. Zuerst leerten die Kaiserlichen das Zeughaus, um es nicht nachrückenden Franzosen überlassen zu müssen, dann erschien Moreau um die Stadt zu brandschatzen und richtete sich in den "Drei Mohren" häuslich ein. Um Augsburg her lagerten 40.000 Mann.

1799 kamen die Russen auf ihrem Rückzug aus Italien, 1800 zogen französische und österreichische Truppen durch Augsburg.
Die Stadt erlegte ihren Bürgern die fünffache Steuerlast auf, um die Kosten einigermaßen begleichen zu können. Trotzdem reichte das Geld nicht und deshalb schien sie gezwungen, die Selbständigkeit aufzugeben; andererseits war dem bayerischen Kurfürsten auch eine zahlungsunfähige Stadt aus strategischen Gründen höchst begehrenswert.
Deshalb begannen nun die politischen Verhandlungen. Der Frieden von Lunéville 1801 sah die Mediatisierung aller geistlicher und weltlicher Fürstentümer vor, darunter auch die der Reichsstädte. So wurde das Hochstift Augsburg säkularisiert, die Klöster innerhalb der Stadt wurden aufgelöst. In langen und zähen Verhandlungen erreichte Augsburg als einzige ostschwäbische Stadt die Aufrechterhaltung des Status der freien Reichsstadt und bekam sogar eine Kriegsentschädigung: den innerstädtischen Klosterbesitz. Dies war aber ein Verlustgeschäft, denn die Pensionen der nunmehr ‚arbeitslosen' Klosterinsassen waren von der Stadt zu bezahlen, die Ländereien der Klöster außerhalb der Stadt mit ihren teils stattlichen Besitztümern und Steuereinnahmen waren jedoch an Bayern gefallen.
Solche "Privilegien" ließ Frankreich sich teuer bezahlen, es waren in keinem Fall Gunstbeweise. "Mit Geld erreicht man alles, ohne Geld nichts" war die Devise. Vor allem Außenminister Talleyrand profitierte von den Bestechungsgeldern deutscher Bittsteller. An einem Tag im Oktober 1802 erhielt er z.B. eine Tabatiere (Tabaksdose) im Wert von 22.000 Francs, seine Hausdame (!?) eine Perlenkette für 36.000 Francs. Dies entspricht dem 50-fachen Jahresgehalt eines damaligen Gymnasiallehrers. Insbesondere Bayern öffnete bereitwillig den Geldbeutel. Man schätzt, die bayerische Regierung unter Graf Montgelas habe insgesamt ca. 1 Million Gulden aufgewendet, um das Territorium durch die Einverleibung Schwabens, Frankens und der Oberpfalz in etwa verdoppeln zu können.
Augsburg konnte dabei nicht allzu lange mithalten; das Ende der Reichsunmittelbarkeit war nur noch eine Frage der Zeit, zumal dem bayerischen Gesandten beim Immerwährenden Reichstag in Regensburg, Freiherr v. Rechberg, der vorläufige Erfolg der Stadt schon ein großer Dorn im Auge war: Der Augenblick werde kommen, Paris davon zu überzeugen, dass die Absichten Bayerns auf Augsburg wichtiger wären als die einer selbstsüchtigen, von Oligarchen regierten verschuldeten Reichsstadt, die in Hinsicht der Handelsverbindungen sowohl als der politischen Vorteile nie imstande sein wird, ihren Beschützern die Mühe zu lohnen, welche sie auf dieselbe verwendet haben.
1805 kam es zum Dritten Koalitionskrieg und Augsburg wurde zum Hauptdepotplatz der napoleonischen Armee. Wieder erwies sich Bayern als der treueste Verbündete Napoleons, und Augsburg erschien als ‚Entschädigungsobjekt' gut geeignet zu sein. In der Würzburger Allianz vom 23.9.1805, dem geheimen Bündnisvertrag zwischen Bayern und Frankreich, wurden dem Kurfürsten bei einem Sieg Augsburg und die vorderösterreichische Markgrafschaft Burgau versprochen. Dieser Besitz der Habsburger ‚begann' unmittelbar vor den Toren Augsburgs: bereits Pfersee gehörte dazu.
In diese Zeit fallen auch zwei Besuche des Feldherrn in Augsburg. Am 10. und am 22. Oktober residierte er im Drei Mohren. Oft kolportiert, aber nicht unbedingt bewiesen ist der Satz, mit dem er über das Schicksal der Stadt beschlossen haben soll: Meine Herren! Sie haben ein schlechtes Pflaster; ich muß Sie einem Fürsten geben. Die Augsburger Vertreter versuchten am 30. Oktober ein letztes Mal, Napoleon (nun im Quartier in Mühldorf am Inn) umzustimmen - vergeblich. Der Brünner Vertrag vom 9.12.1805 und der Friede von Preßburg vom 26.12.1805 regelten die ‚Augsburger Frage' endgültig im bayerischen Sinn. Schon am 21.12. hatten bayerische Truppen von der Stadt Besitz ergriffen. Der Magistrat schickte eine Ergebenheitsadresse an den Kurfürsten, alle seine Mitglieder, die des Stadtgerichts und die höheren Beamten leisteten den Eid auf den neuen Souverän. Am 1.7.1806 konstituierte sich ein provisorischer königlich bayerischer Stadtmagistrat; zum äußeren Zeichen für die neuen Besitzverhältnisse wurde der bronzene Reichsadler aus dem Westgiebel des Rathauses herausgerissen.

Bei der Betrachtung nur dieser Fakten stellt sich die Situation so dar, dass ganz Augsburg wie ein Mann um seine Unabhängigkeit gekämpft hätte und dabei dem übermächtigen Gegner nicht standhalten konnte. Ganz so einig war man sich aber keineswegs. Die Stadt wurde immer noch (seit 1648) vom Patriziat regiert. Zwar waren alle wichtigen Ämter paritätisch besetzt, d.h. doppelt, mit einem Katholiken und einem Protestanten, doch gab es immer noch die gleichen Spannungen zwischen den Ständen einerseits und den Händlern andererseits wie zu Zeiten der Reformation. Die Stände, das Patriziat, sah seinen Status bedroht, da im aufgeklärten Bayern die Privilegien des Adels abgeschafft wurden. Graf Montgelas wollte, um die unterschiedlichen neuen Gebiete in Bayern zu integrieren, durch Reformen von oben aufkeimende Revolutionsgedanken im Keim ersticken. Ganz speziell sollte die Übermacht der katholischen Kirche gebrochen werden. Die Katholiken in Augsburg, durch die Parität überproportional zur Einwohnerzahl politisch aufgewertet, befürchteten ebenfalls einen Machtverlust und standen hinter dem Patriziat.
Die Protestanten hingegen befürworteten aus naheliegenden Gründen die antikatholische Politik Montgelas. Ihnen schlossen sich die Kaufleute an, die ihrerseits die besseren Absatzchancen für ihre Waren sahen, wenn Augsburg nicht vor Lechhausen und Hochzoll bereits endete und Güter durch ‚fremdes Territorium' zu transportieren waren. Die Kaufleute hatten das größere Druckmittel in der Hand: Geld. Nur sie konnten dem Stadtrat ein Darlehen geben - oder dieses verweigern, was sie in diesem Fall vorzogen. Der Rat brauchte aber dringend Geld und wandte sich an drei jüdische Bankiers. Diese gaben die gewünschte Summe, verlangten dafür aber das Zuzugsrecht in die Stadt, das sie seit dem 15. Jahrhundert nicht mehr besaßen. Auslöser für die Verweigerung des Kredits war die Ablehnung der Forderung der Kaufleute, eine Mitkontrolle über die städtischen Finanzen zu bekommen.
Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Karl Köberlin, ein Augsburger Gymnasiallehrer und Historiker, ganz im protestantischen Sinn schreibt, man brauche das Ende der Reichsfreiheit nicht zu bedauern, denn die patrizische Verfassung sei überlebt und für die Wirtschaft sei die Einverleibung ein Glück.

Renate Weggel: "Wir sind also bayerisch - Gott gnade uns allen". In: Eine Augsburger Schule im Wandel der Zeit. Augsburg 2000.

Baustein 5: Allgemeine Informationen zu den Ergebnissen und Folgen der Säkularisation

Da sich die Säkularisation ohne nennenswerten Widerstand des Klerus und sogar der Kurie umsetzen ließ und auch die Untertanen nicht offen dagegen aufbegehrten, wird sie heute eher positiv eingeschätzt.
"Die Säkularisation war somit zweifellos ein Rechts- und Verfassungsbruch, sie war eine ‚Revolution von oben', und hat das Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation unmittelbar nach sich gezogen. Sie war jedoch auch die Voraussetzung für die Überwindung des Feudalismus und damit für die Entstehung des modernen Staates auf deutschem Boden, der nach Lage der Dinge nur auf territorialer Ebene geschaffen werden konnte. […]
Die Säkularisation war, so könnte man es formulieren, ein zwar sehr schmerzhafter, aber notwendiger Eingriff in den deutschen Staatsorganismus, der in seinem bisherigen Zustand nicht mehr lebensfähig war." (Dirk Götschmann)
Auch die Auswirkungen auf die Kirche als solche werden nicht negativ gesehen, denn die Rückbesinnung auf die eigentlichen Aufgaben führte zu einer Erneuerung des Katholizismus und damit auch zu einer "Demokratisierung" des Klerus. (Spindler) Nicht zuletzt wurden unter Ludwig I. viele Einschränkungen gegenüber der Kirche wieder zurückgenommen, was u.a. den Wiederaufbau des klösterlichen Schulwesens bedeutete.
Die Betroffenen bekamen jedoch die Folgen der Säkularisation zu spüren.
Die Äbte und Mönche hatten am wenigsten zu ‚leiden', denn sie wurden vom Staat bezahlt und fanden auch eine neue Aufgabe in der Seelsorge oder in der Schule, je nach Eignung und eigenem Wunsch. Montgelas verfolgte damit auch das Ziel, das Volk zur Nation zu erziehen.
Für die vorher vom Kloster abhängigen Bauern, Handwerker und Tagelöhner stellten sich die Folgen unterschiedlich dar: Wer Vermögen hatte - größere Bauern und Handwerker - kaufte das wegen des Überangebots billige Ackerland und kam somit zu einem gewissen Wohlstand und vor allem zu Unabgängigkeit. Kleine Handwerker, Hilfsarbeiter und Tagelöhner hingegen fielen dem Pauperismus zum Opfer, da sie kaum noch Aufträge bekamen.
Ergebnis: die Spaltung der ländlichen Bevölkerung in eine relativ wohlhabende bäuerliche Schicht und in ein ländliches Proletariat. (Möckl, S. 113) Dazu kam noch der Wegfall der persönlichen Bindungen an den Grundherrn; Abgaben wurden nun an einen weitgehend ‚anonymen' Staat bezahlt.

Die Einnahmen des Staates: Verkauft wurden Grund und Boden, Klostergebäude, Kunstwerke, kirchliches Gerät, sämtliches Inventar wie Möbel und Vorhänge, aber auch Kutschen und Tiere, Küchengeräte und Musikinstrumente etc. etc.
Für das sehr reiche Kloster Niederaltaich ergab sich dabei ein Gewinn von ca. 250.000 Gulden - ein sehr geringer Wert.

Abgesehen vom Überangebot und zu wenig potentiellen Käufern ergaben sich zusätzliche ‚Einnahmeverluste':
Viele Klöster waren in entfernten Gegenden errichtet worden und fanden keinen Käufer, der aus ihnen einen Gewerbebetrieb hätte machen wollen. Also musste der Staat die Gebäude selbst übernehmen und sie als Kaserne, Nervenheilanstalt, Lazarett oder Zuchthaus verwenden, was zusätzliche Investitionskosten bedeutete.
Teile der Kunstschätze wanderten in die Privatsammlung des Herzogs bzw. Königs oder in dessen Museen, Bibliotheken oder Archive und wurden somit nicht auf dem freien Markt angeboten.
Andere Teile der Kunstschätze gingen einfach beim Transport verloren, teils durch Unachtsamkeit, teils aus Unwissenheit. Bücher und Gemälde wurden zerstört, weil sie nach Meinung der zuständigen Lokalkommissäre abergläubische Darstellungen enthielten; Kelche und Monstranzen wurden nur nach ihrem Metallwert geschätzt und verkauft und zum Transport plattgetreten, um Platz zu sparen. Ungefähr die Hälfte der Glocken wurde zerstört. Die Kirchen von Wessobrunn, Weihenstephan und Münsterschwarzach wurden einfach abgerissen.
Der Freisinger Dom entging diesem Schicksal durch eine kuriose Geschichte. Er galt als einsturzgefährdet und wurde einem Metzger für 500 fl zum Abbruch angeboten. Ein französischer General hörte davon, funktionierte die Kirche kurzfristig zu einem Ballsaal um und ließ ein rauschendes Fest zu Ehren Napoleons feiern, samt Salutschüssen aus unmittelbar vor dem Gebäude aufgestellten Kanonen. Da das Bauwerk darob nicht einstürzte, entschlossen sich die Freisinger Bürger zu einer Rettungsaktion für ihren Dom.

Weitere Einnahmequellen stellten die Grundzinsen, die Zehnten, die Pachtzinsen v.a. der Brauereien dar, sowie das teilweise nicht unbeträchtliche Barvermögen der Kirchen. Da diese aber häufig als Banken für ihre Untertanen fungierten, war das Aktiv-Kapital nicht gleich dem Passiv-Kapital (4 zu 1,3 Millionen in Altbayern). Zudem erstreckte sich der Verkauf und die Abwicklung über ca. 10 Jahre, so dass im Endeffekt ein Gewinn von ca. 14 Millionen Gulden erzielt wurde - in etwa die gleiche Summe, die die Kirche in diesem Zeitraum ohnehin an den Staat zu zahlen gehabt hätte. "Mit anderen Worten, der gleiche Effekt hätte sich auch ohne Säkularisation erzielen lassen". (Möckl, S. 375)

Der wahre Gewinn liegt aber in den langfristigen Auswirkungen:
Ca. die Hälfte der bayerischen Staatswaldungen stammt aus klösterlichem Besitz und wirft bis heute mehr oder minder große Gewinne ab.
Die Steuern und Abgaben der Untertanen stellten ebenfalls einen berechenbaren Haushaltsposten dar. Genaue Zahlen hierüber sind nicht bekannt, es dürfte sich aber um die oben erwähnte Million Gulden Barvermögen der Klöster handeln.

Die Ausgaben:

Ca. 1 Million jährlich musste für die Pensionen der Klosterinsassen aufgewendet werden.
Alle Äbte zusammen erhielten jährlich 52.000 Gulden (mit sinkender Tendenz)
Mönche erhielten 400 fl, Bettelmönche 135 fl jährlich und Nonnen insgesamt 148.000 fl.
Abgezogen sind hierbei schon die Ausgaben für diejenigen, die in Pfarreien oder Schulen (hier nun erstmals auch Nonnen) untergekommen waren bzw. in die Armee übernommen wurden, die von 3.000 auf ca. 40.000 Mann aufgestockt worden war.

Die wahren Verluste der Säkularisation liegen außer in der oben erwähnten Vernichtung von Kunstgegenständen in unschätzbarer Höhe vor allem in den ideellen Verlusten:
18 deutsche Hochschulen oder Hochschulen ohne Universitätsrang gingen zugrunde, darunter in Bayern Bamberg und Dillingen.
Die Geschichts- und Naturwissenschaft waren eine Domäne der Klöster, speziell der Benediktiner und Augustinerchorherren, die zahlreich in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften vertreten waren. Für Schwaben zu nennen sind hier unter anderem Pater Ulrich Schiegg aus Ottobeuren, der im gleichen Jahr wie die Brüder Montgolfier einen Heißluftballon steigen ließ und Placidus Braun von St. Ulrich in Augsburg, der die Geschichte der Augsburger Bischöfe schrieb. Pater Leopold Natterer von St. Mang in Füssen hatte fast 2000 Pflanzen bestimmt, geordnet und in einem Herbarium zur Schau gestellt.
Auf dem Lande setzte eine geistige Verödung ein, denn die Klöster hatten vielfach Elementar- und Lateinschulen eingerichtet und begabten Schülern den Besuch eines Gymnasiums ermöglicht. Beides fiel nun für einige Jahre weg bzw. musste von den weniger gut ausgebildeten Pfarrern übernommen werden.

Zum Schluss noch eine zeitgenössische Stimme dazu:

Johann Christoph von Aretin schreibt aus Schäftlarn über die Säkularisation, die er mit vollziehen hilft:
Von heute an datiert sich eine Epoche der bayerischen Geschichte, so wichtig als in derselben noch keine zu finden war. Von heute an wird die sittliche, geistige und physische Kultur des Landes eine ganz veränderte Gestalt gewinnen. Nach tausend Jahren noch wird man die Folgen dieses Schrittes empfinden. Die philosophischen Geschichtsschreiber werden von Auflösung der Klöster, wie sie es von der Aufhebung des Faustrechts taten, eine neue Zeitrechnung anfangen, und man wird sich dann den Ruinen der Abteien ungefähr mit eben dem gemischten Gefühl nähern, mit welchem wir jetzt die Trümmer der alten Raubschlösser betrachten.

Briefe über meine literarische Geschäftsreise in die baierischen Abteyen; zitiert in: Rudolf Reiser, Zwei Jahrtausende Bayern in Stichworten. München 1988, S. 220.

Quellen- und Literaturhinweise

A Standardwerke

B Aufsätze

Alle drei in: Unser Bayern. Heimatbeilage der Bayerischen Staatszeitung, August 2002 (beim Verlag kostenlos erhältlich).

C Ausstellungsprogramm

D Kirchengeschichte

E Quellen des Staatsarchivs Augsburg

Hinweise auf Ausstellungen: