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Zur Französischen Revolution:

Die Schreckensherrschaft 1793/94 im Licht der Berichterstattung der


für die 8. (7.) Klasse

Stadtarchiv Augsburg: Dr. Michael Cramer-Fürtig
Gymnasium bei St. Anna: Dr. Renate Weggel
2004

1. Zu dieser Zeitung:

Der Vorläufer der Augspurgischen Ordinari Postzeitung von Staats-, gelehrten, historisch- und ökonomischen Neuigkeiten erschien bereits 1686 als Wochenzeitung. Seit 1740 kam sie täglich heraus. 1776 übernahm Joseph Anton Moy die Zeitung. Sein Schriftleiter Tobias Brandmüller, Lehrer am Anna-Gymnasium, machte sie zu einem beliebten Nachrichtenorgan für alle Stände. Getreu der Augsburger Parität und der damit verbundenen Toleranz leitete damit ein Protestant ein katholisch ausgerichtetes Blatt, das im allgemeinen treu zum Kaisertum hielt, aber doch versuchte, eine eigenständige Meinungsbildung zu entwickeln. Der oben zitierte Name datiert von 1787. Um 1800 war sie mit 13.000 Exemplaren die zweitverbreitetste deutsche Zeitung nach dem Hamburger Unpartheiischen Correspondent . Gelesen wurde sie außer in Süddeutschland auch in Österreich, hergestellt wurde sie mit Handdruckpressen in dem aus 13 Häusern bestehenden Zeitungsviertel des Joseph Anton Moy. Nach 1810 wurde sie weniger wichtig, da Cottas Allgemeine Zeitung in diesem Jahr nach Augsburg verlagert wurde, und für diese Zeitung schrieben die berühmtesten Persönlichkeiten dieser Zeit wie z.B. Heinrich Heine. Ab 1858 stabilisierte sich die Postzeitung wieder.
Bis 1935 konnte sie sich trotz des erbitterten Kampfes des Schriftleiters Johann Wilhelm Naumann gegen Hitler halten. Naumann erhielt 1945 zusammen mit Curt Frenzel deshalb auch die Lizenz Nr. 7 der US- Militärregierung zum Wiederaufbau des Zeitungswesens und leitete für kurze Zeit mit diesem die Schwäbische Landeszeitung , aus der unter dem späteren Alleininhaber Frenzel die Augsburger Allgemeine hervorging.

In der hier ausgewählten Zeit umfasste jede Ausgabe 4 Seiten, die meistens mit Korrespondentenberichten gefüllt waren. Im Vordergrund stand die Kriegsberichterstattung. Hin und wieder finden sich auch Anzeigen oder amtliche Verlautbarungen.

Im Stadtarchiv befinden sich der Jahrgang 1793 ab März und der Jahrgang 1795 in einigen wenigen Exemplaren. Die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg besitzt alle Jahrgänge zur Französischen Revolution. Einige Exemplare befinden sich sogar in der Library of Congress in Washington.







2. Überblick über die Schreckensherrschaft/Kurzbiographien der hier angesprochenen Personen

a) Die wichtigsten Daten des Jahres 1793:

3. März: In der Bretagne setzt eine königstreue Erhebung ein.
18. März In Lyon kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Befürwortern der Revolution.
1. April: Um Marat unter Anklage stellen zu können, wird die Immunität der Abgeordneten des Konvents aufgehoben.
6. April: Der Wohlfahrtsausschuss wird als Exekutivrat des Konvents gebildet.
12. April: Marat taucht unter, nachdem der Konvent seine Verhaftung angeordnet hat.
24. April: Marat wird vor das Revolutionstribunal gestellt, das jedoch aus Mitgliedern der Bergpartei besteht und ihn freispricht. Er wird im Triumph zum Konvent zurückgetragen.
4. Mai: Für Getreide und Mehl werden Höchstpreise eingeführt.
13. Juli: Charlotte Corday ermordet Marat.
16. Juli: Robespierre verhindert die Beisetzung Marats im Pantheon.
7. Juli: Charlotte Corday wird zum Tod verurteilt.
27. Juli: Robespierre übernimmt den Vorsitz im Wohlfahrtsausschuss. Lebensmittelaufkäufer und -wucherer sollen zukünftig mit dem Tod bestraft werden.
2. August: Marie Antoinette wird vom Temple in die Conciergerie verlegt.
22. August: Robespierre wird Präsident des Konvents.
30. August: Royer sagt vor dem Konvent: "Machen wir den Terror zum Alltag".
5. September: Wohlfahrtsausschuss und Konvent bekennen sich zum Terror als zulässiges Regierungsmittel.
17. September: Beginn der Schreckensherrschaft (Gesetz gegen die Verdächtigen)
29. September: Das Maximum-Gesetz: Höchstpreise für Lebensmittel und Löhne; Anzeigepflicht für Vorräte.
3. Oktober: Der Konvent beschließt, Marie Antoinette vor das Revolutionstribunal zu stellen. 136 Konventsmitglieder stehen bereits unter Anklage und sind von den Sitzungen ausgeschlossen.
12. Oktober: Marie Antoinette muss vor dem Revolutionstribunal erscheinen.
7. November: Philippe Egalité wird hingerichtet.
14. November: Die sterblichen Überreste Marats werden in das Pantheon überführt.
4. Dezember: Die Vollmachten des Wohlfahrtsausschusses werden weiter vergrößert.

b) Kurzbiographien der in den Artikeln erwähnten Personen:

Collot d´Herbois, Jean-Marie (1749-96)
Ursprünglich Schauspieler und Bühnendichter, für eine konstitutionelle Monarchie, dann radikaler Gegner der Girondisten und wüster Terrorist im rückeroberten Lyon; Mitglied des Wohlfahrtsausschusses.

Corday, Marie Anne Charlotte (1768-93)
Aus frommer und royalistischer Familie, Ururenkelin des Dichters Corneille, sympathisierte mit den Girondisten. Als deren Verfolgung begann, verließ sie ihre Heimat in der Normandie, um Marat, den sie für den bösen Geist der Revolution hielt, umzubringen. Sie wurde bei ihm vorgelassen, da sie ihm die Namen der Girondisten in Caen versprach, und erdolchte ihn. Sie wurde verhaftet und hingerichtet.

Custine, Adam-Philippe, Comte de (1740-93)
General im Siebenjährigen und im amerikanischen Bürgerkrieg. Ging 1789 zum Dritten Stand über, machte sich 1793 durch seine zögernde Haltung gegenüber dem Wohlfahrtsausschuss verdächtig, wurde angeklagt und guillotiniert.

Ludwig XVII., Louis-Charles (1785-95)
1798 nach dem Tod des älteren Sohnes zum Thronfolger erklärt. 1792 wurde er zusammen mit seinem Vater eingekerkert. Um seinen Tod ranken sich zahlreiche Legenden, in denen ihm teilweise die Flucht gelang. Vermutlich starb er 1795 im Gefängnis. (Ob die nachfolgend von der Zeitung geschilderte Todesart korrekt ist, lässt sich deshalb nicht nachvollziehen.)

Marat, Jean-Paul (1743-93)
Arzt und Philosoph. Gewann Popularität durch seine Vorhersage, daß der König und Lafayette fliehen würden. Ein extremer Demokrat, der aber wenig Verständnis für wirtschaftliche Probleme zeigte. Er galt als Märtyrer der Revolution.

Marie-Antoinette (1755-93)
Seit 1770 mit Ludwig XVI. verheiratet. Beim Volk wegen ihrer Neigung zur Verschwendung unbeliebt und für den schlechten Stand der Staatsfinanzen verantwortlich gemacht. Wegen Landesverrats zum Tode verurteilt.

Orléans, Louis Philippe Joseph, Herzog von (genannt Philippe Egalité) (1747-93)
Stammte von einem Bruder Ludwigs XVI. ab. Er war einer der reichsten Grundeigentümer des Landes, ging 1789 zum Dritten Stand über. Machte sich beim Volk beliebt, weil er für den Tod Ludwigs stimmte. Als sein Sohn, der spätere König Louis-Philippe, zu den Österreichern überging, geriet auch er in Verdacht, wurde verhaftet und später hingerichtet.

Robespierre, Maximilien Marie Isidore (1758-94)
Führer der Bergpartei und im Wohlfahrtsausschuss. Am 27.7.1794 vom Konvent gestürzt und schwer verwundet; am folgenden Tag hingerichtet.

Beides aus: Joe H. Kirchberger, Die Französische Revolution. Eine Chronik in Daten und Zitaten, Herrsching 1992.


3. Die ausgewählten Artikel

Die Auswahl der nachfolgenden Artikel basiert auf der vorher aufgeführten Datenliste.

Das Jahr 1793 erschien mir besonders interessant, da der Aufbau des Terrors auch in Deutschland zur Kenntnis genommen werden musste. Ferner geschahen in diesem Jahr Dinge, die für Schüler "attraktiv" und spannend sind, wie z.B. der Mord an Marat oder die Hinrichtung der Königin Marie Antoinette. 1795 starb der Thronfolger Ludwig XVII. Leider gibt es im Stadtarchiv die Zeitungen um die Zeit des Sturzes Robespierres nicht, so daß dieser sicherlich von der Kommentierung her ebenfalls sehr lohnende Aspekt ausgeklammert bleiben muss.

Die Durchsicht der Zeitungen auf entscheidende Dekrete des Nationalkonvents bzw. des Wohlfahrtsausschusses ergab häufig "Fehlanzeige"; Hinweise auf die schlechte Versorgungslage und die Armut der Bevölkerung finden sich nur ganz selten. Dagegen nimmt die Berichterstattung über bekannte Persönlichkeiten im Stil einer Hofberichterstattung breiteren Raum ein. Ein Maximilien Robespierre erschien den "Reportern" anfänglich offensichtlich als nicht sehr wichtig. Zum einen erscheint er einmal in einer völlig falschen Schreibweise (als Robertspierre), zum anderen wird seine Ernennung zum Vorsitzenden des Wohlfahrtsausschusses nicht erwähnt.

Die Artikel sind offenkundig von verschiedenen Personen verfasst, die zum Teil das berichten, was sie vom Hörensagen wissen. So erscheint z.B. die Mörderin Marats als Charlotte Gordet, was von der Aussprache her durchaus mit Corday verwechselt werden kann. Manchmal wird am folgenden Tag ein etwas genauerer Bericht nachgeschoben. Auffällig ist auch, wie sehr die persönlichen Meinungen und Wertungen der Schreiber einfließen.

Für dieses Unterrichtsmodell wurden deshalb zwei Aspekte besonders berücksichtigt:
- die Schilderungen der sozialen Lage
- die Berichte über das Königshaus und die Ermordung Marats als Beispiele für frühen "Boulevardjournalismus"

Die Texte erscheinen in chronologischer, nicht in thematischer Reihenfolge.


Nro. 94, Samstag, 20. April Anno 1793

Paris, den 12. April
Rebequi aus Marseille, Mitglied des Nationalconvents hat seinen Abschied genommen. Er schrieb der Versammlung: "ihr habt die Todesstrafe gegen jeden ausgesprochen, der einen König vorschlagen würde. Nun hat euch aber Robespierre einen unter dem Namen Regulateur auf der Rednertribüne vorgeschlagen. Ihr habt die Todesstrafe gegen jeden ausgesprochen, der die National-Präsentation antasten würde. Nun hat man aber den 27. December 1792 und den 10. Merz 1793 bey den Jacobinern den Anschlag gefasst, Stellvertreter des Volkes zu ermorden, und alle diese Verbrechen blieben ungestraft."

Nro. 96, Dienstag, 23. April Anno 1793

Paris, den 14. April
Der Erzherzog von Orleans, oder Egalite, zeigte sich bey seiner Gefangennehmung und bey seiner Abführung aus Paris nach Marseille als eine feige Memme, er weinte. [...]
In Bretagne geht es fürchterlich zu: die Sansculotten bringen alle Aufrührer, Adeliche, Bischöffe, Geistliche ohne Gnade um, deren sie habhaft werden können, diese üben aber an jenen das Wiedervergeltungsrecht aus; und so frißt dieser Bürgerkrieg täglich eine Menge Menschen. - Am 12. wurden hier 20 Ehen geschlossen und 10 Ehescheidungen gemacht, so geht es beynahe alle Tage fort und unser Paris ist ein wahres Babylon.

Nto. 104, Donnerstag, 2. May Anno 1793

Paris, den 24. April
Der Befehl, den Marat zu arretiren, ist nun wirklich ausgefertiget worden, aber seine Gefangennehmung ist noch nicht erfolgt, und dürfte zu blutigen Scenen Anlaß geben.

Nro. 105, Freytag, 3. May Anno 1793

Das neueste, was heute gemeldet werden kann, ist dieß daß Marat nicht allein gar nicht eingezogen, sondern gestern von dem außerordentlichen Revolutionsgericht als der unschuldigste und wackerste Mann für unschuldig erklärt wurde. ... Er setzte sich auf seinen Platz [in der Nationalkonvention], seine eifrigsten Verehrer setzten ihm eine Ehrenkrone auf, man hüpfte, sprang, jubelte, und der Lärm und das Freudengeschrey in dem Saal der Volksrepräsentanten war so groß, daß kein Mensch den anderen verstund.
... Hinführo werden Abends keine Sitzungen mehr gehalten, weil man bemerkt hat, daß nicht selten in diesen Abendsitzungen der Wein starken Einfluß auf die gehaltenen Reden hatte.

Nro. 110, Donnerstag, den 8. May Anno 1793

In Paris wollten viele Einwohner das letzte Osterfest feyern, allein man drohte gleich mit der Guillotine, und die freien Pariser öffneten also zum Osterfest ihre Läden und gingen an die Arbeit.

Nro. 111, Samstag, den 11. May Anno 1793

Paris, den 3. May
Da die Theuerung und der Mangel des Getreides immer sichtbarer wird, soll auf Befehl der Nationalkonvention in allen Departements Hausvisitationen vorgenommen, und die Kornvorräthe aufgezeichnet, die Bauern durch Militärische Gewalt zum Verkauf ihres Getraides gezwungen, und die schleunigste Maasregeln genommen werden, um in der Fremde Getraide zu kaufen. - General Custine hat den Vorschlag gethan, daß man einen Diktator mit unumschränkter Gewalt erwähle und hielt dieß für das einzige Mittel, die Republik zu retten.
[Custine wurde am 28.8. hingerichtet]

Nro. 173, Dienstag, 23. Jul. Anno 1793

Paris, den 14. Julii
Gestern Abends um 7 Uhr kam eine junge hübsche Frauensperson in einer Miethskutsche vor das Haus des Marat gefahren und bat um die Erlaubniß, ihm eine Bittschrift überreichen zu dürffen. Er befand sich zwar so eben im Bade, aber einen Besuch von einer jungen hübschen Dame nimmt man auch im Bade an. Sie wird vorgelassen, überreicht ihm mit vieler Anmuth ihre Bittschrift und stoßt ihm in dem nemlichen Augenblick einen Dolch durch die Brust, daß er ein paar Minuten darauf seine Seele ausröchelte. Er gehört bekanntlich unter die fürchterlichsten, abscheulichsten Menschen, welche die Revolution hervor gebracht hat.

Ein anderes aus Paris, den 15. Jul.
Die junge hübsche Weibsperson, die den Stolz der Jacobiner, und den Liebling der Pariser, Marat vorgestern Abends um / Uhr im Bad ermordet, ist bereits ergriffen worden. Sie heißt Charlotte Gordet, und ist die Tochter eines ehemaligen königl. Stallmeisters. Sie zeigt die größte Kaltblütigkeit, und äußerte, daß sie sehr bereit sey, zu sterben, da ihr der Dolchstich gelungen. Mein Tagwerk ist gethan, sagte sie, mögen andere das Uebrige vollenden. Sie ist noch ledig. Die Jakobiner sind untröstlich, die Nationalconvention will eine neue grausame Todesstrafe erfinden und Marat soll einbalsamirt, und ins Pantheon beygesetzt werden.

Nro. 174, Mittwoch, den 24. Julii Anno 1793

Paris, den 15. Jul.
Am 9. dieses war die Hitze hier so groß, daß sie jener zu Domingo gleichkam, denn sie hatte über 30 Grade. Vier Pferde vor einem Postwagen sind 2 Stunden von hier für Hitze todt niedergefallen.
... Marat lebte nach erhaltenem Stich keine Minute mehr; der Dolch ging ihm gerade durchs Herz. Robertspierre, Danton, etc. fürchten ein ähnliches Schicksal.

Paris, den 16. Jul.
Die ganze Nationalconvention geht dem umgebrachten Marat zur Leiche. - Man zeigt ihn dem Volk im Badezuber, so wie er in dem Augenblick im demselben saß, als er ermordet wurde. Er hinterlässt nichts als Schulden, welche die Nationalconvention übernimmt, um ihrem Liebling einen Beweiß ihrer Dankbarkeit zu geben.



Nro. 235, Freytag, den 4. Octobr. Anno 1793

Paris, den 23. Sept.
Unsere sanfte und milde Beherrscher haben ohne Zweifel gefunden, daß es der königlichen Familie noch zu guth in ihrem Gefängnisse geht. [Deshalb werden alle Diener entlassen; es gibt nur noch die gleiche Kost wie für die übrigen Gefangenen:] Suppe, Rindfleisch und gewöhnliches Brod.

Nro. 256, Dienstag, den 29. Octobr. Anno 1793

Paris, den 18. Oct.
Das Verhör über die Königin hatte am 14. Montag früh ... angefangen. [...] Einer der Vertheidiger gab an: die Königin habe ihn einmal bey dem Herausgehen aus dem Verhör gefragt: "Habe ich nicht mit allzu vieler Würde geantwortet? Denn ich bemerkte, daß eine Frau sagte: sehet wie diese so sicher ist." - In diesem Verhör hatte sie auf jede Frage geantwortet, z.B. Wer sind Sie? - "Ich bin Antonie Prinzessin von Oesterreich, Wittwe König Ludwigs 16." - Wie alt sind Sie? - "38 Jahre". - Der Priester, der sie zum Tod begleitete, war weltlich gekleidet. Sie trug ein schwarzes Kleid. Ihr Haupt fiel um ein Viertel Uhr nach Zwölfe Mittags.

Nro. 257, Mittwoch, den 30. Octobr. Anno 1793

Paris, den 16. Oct.
Die Greulthat ist begangen. - Die Menschheit beleidigt worden. Die Tochter Marien Theresiens, die geliebte Marie Antoinette, Königin von Frankreich, in deren Sonnenschein ehemals der Franzoß lebte und webte, sank von ihrer glänzenden glücklichen Höhe in die Klauen rasender Ungeheuer. Gestern Abend wurde sie zum Schein noch einmal verhört, und dann zum Thode verurtheilt. Heute Morgen ist sie hingerichtet worden.

Nro. 308/09 Donnerstag, den 26. Dec. Anno 1793

Paris, den 12. Dec.
Der Zulauf der Menschen war ungeheuer. Während ihres Processes wurde der Dubarry öfters nicht wohl, und sie musste sich der Riechwasser bedienen. Auf dem Wagen, auf welchem sie zum Richtplatz gefahren wurde, war sie so schwach, daß der Scharfrichter sie beständig halten musste. Sie war ziemlich fleischig geworden, das Gesicht ein wenig kupferig, aber man sah noch die Spuren der Schönheit. Als das Brett hervorgezogen wurde, schien sie einen Augenblick aus ihrer langen Ohnmacht zu kommen, und sie bat um Gnade, und stieß einen durchdringenden Schrey aus. Die holländische Familie Handernyver zeigte mehr Standhaftigkeit, der jüngste dieser Brüder war vor den Richtern ganz wütend und schimpfte sie.

Nro. 109, Mittwoch, den 7. May Anno 1794

Paris, den 24. April
In dem abgewichenen Keimmonat wurden in Paris 738 neue Ehen geschlossen, 177 Ehescheidungen vollzogen, 1603 Kinder geboren und 1855 Menschen sind gestorben. - Die Zahl der Gefangenen in Paris ist jetzt 7746. - Vorgestern sind von dem Revolutionsgericht wieder viele Personen zum Tod verurtheilt worden: Blin, ehemaliger Graf, 40 Jahr alt/Espinard d´Alleray, aus Dijon, ehemaliger Rath des Parlements dieser Stadt/Guenichot, 27 Jahr alt, aus Dijon, Sohn eines ehemaligen Parlementsraths dieser Stadt/Julien, 49 Jahr alt, ehemaliger Pfarrer und Franziskaner/Berlier, 60 Jahr alt, aus Chatillon, Forstbeamter/Guilemin, Schreiber, 29 Jahr alt. Alle diese hatten nach Angaben der Anklageschrift im Arresthaus zu Dijon Komplotte gemacht, um die Republik und die Nationalconvention zu vernichten und die Königswürde wieder einzuführen.

Nro. 247, Mittwoch, den 15. Octobr. Anno 1794

Paris, den 2. Oct.
Die Wittwe des guillotinierten Exherzogs von Orleans, abscheulichen Angedenkens, ist zum Erstaunen von ganz Paris aus ihrem Gefängnis, worinnen sie schon mehrere Jahre saß, vom Revolutionsgericht entlassen worden. Dieses Gericht verfährt seit dem Sturz des Tyrannen Robespierre sehr menschlich, viele hundert Personen werden losgelassen und nur wenige hingerichtet.

Nro. 53, Dienstag, den 3. Merz Anno 1795

Straßburg, den 22. Feb.
Unter den Blut- und Schreckensmännern, welche nach der Vorschrift des Collot d´Herbois das Ersäufen, Erschießen und Guillotinieren so vieler tausend Einwohner der unglücklichen Stadt Lyon angeordnet haben, befand sich auch ein gewisser Ferner. Dieser unverschämte Mensch hatte die Frechheit, am 14. dieses Monats durch Lyon zu reisen. Er wurde erkannt, und sollte arretirt werden. Allein das Volk fiel über ihn her, warff ihn mit Steinen tot und schleppte ihn in die Rhone, in welche vormals dieser Bösewicht so viele rechtschaffene Bürger hatte werffen lassen.

Nro. 148, Montag, den 22. Junii Anno 1795

Paris, den 11. Jun.
Vorgestern trug Sevestre im Namen des Polizei Comite der National-Konvention vor: Seit einiger Zeit litt der Sohn unseres letzten Königes an einer Geschwulst am rechten Knie und an der linken Hand. Am 4. May vermehrten sich die Schmerzen: Der Kranke verlor den Appetit, und ein Fieber stellte sich ein. Der weltberühmte Arzt Dessaux wurde ernannt, den Kranken zu besuchen. ... Seine Geschicklichkeit und Rechtschaffenheit bürgten uns, daß Nichts, was man der Menschlichkeit schuldig ist, dem Kranken abgehen würde. Inzwischen äusserten sich bey der Krankheit verschiedene bedenkliche Umstände. ... Um 2 ¼ Uhr Nachmittag [am 8. Juni] erhielt das Comite den Bericht, daß der Sohn König Ludwigs XVI. gestorben sey.

Bilder: Marat: www.marxist.org
Davids Gemälde von der Ermordung Marats und Madame Dubarry: www.batguano.com
Marie Antoinette: www.fairiesgarden.zero-city.com
Ludwig XVII: ancre.chez.tiscali.fr

4. Zusatzmaterialien

1. Rede Robespierres im Nationalkonvent über die Grundsätze der revolutionären Regierung (25. Dezember 1793, 4. Nivôse II)
[...] Wir werden zunächst die Prinzipien und die notwendigen Aufgaben einer revolutionären Regierung entwickeln; dann werden wir die Kräfte aufzeigen, die danach trachten, eine solche Regierung bereits bei ihrer Geburt zu lähmen.
Die Theorie der revolutionären Regierung ist ebenso neu, wie die Revolution, aus der diese Regierung entstanden ist. Man darf sie weder in den Büchern der politischen Schriftsteller suchen, die diese Revolution nicht vorausgesehen haben, noch in den Gesetzbüchern der Tyrannen, die sich damit zufriedengeben, ihre Macht zu mißbrauchen, und die sich wenig um deren Legitimität kümmern.
Die Aristokraten fürchten sich vor diesem Begriff entweder, oder er dient ihnen zur Verleumdung. Für die Tyrannen ist er ein Skandal, für viele andere Leute ein Rätsel. Man wird dieses Wort allen erklären müssen, um wenigstens die guten Bürger für die Prinzipien des öffentlichen Wohls zu gewinnen.
Die Funktion der Regierung besteht darin, alle moralischen und physischen Kräfte der Nation auf das Ziel hinzulenken, zu dessen Verwirklichung sie eingesetzt ist.
Das Ziel der konstitutionellen Regierung besteht darin, die Republik zu erhalten; das Ziel der revolutionären Regierung ist es, die Republik zu begründen.
Die Revolution ist der Krieg der Freiheit gegen ihre Feinde; die Verfassung ist die Herrschaft der siegreichen und friedlichen Freiheit.
Die revolutionäre Regierung muß daher außerordentlich aktiv sein, denn sie führt einen Krieg. Sie ist nicht einheitlichen und starren Regeln unterworfen, denn die Umstände, in denen sie sich befindet, sind stürmisch und bewegt, und sie ist ständig genötigt, neue und wirksame Kräfte gegen neue und dringende Gefahren zu entfalten.
Die konstitutionelle Regierung befaßt sich hauptsächlich mit der Freiheit der Bürger, die revolutionäre Regierung mit der Freiheit des Staates. Unter dem konstitutionellen Regime genügt es fast, die einzelnen Bürger vor den Übergriffen der Staatsgewalt zu schützen; unter dem revolutionären Regime dagegen muß sich die Staatsgewalt selbst gegen alle Parteien, die sie angreifen, verteidigen.
Die revolutionäre Regierung schuldet allen guten Bürgern den ganzen Schutz der Nation; den Feinden des Volkes schuldet sie den Tod. [...]
Wenn die revolutionäre Regierung in ihrer Arbeit aktiver und freier sein muß als die gewöhnliche Regierung, ist sie deshalb weniger gerecht und weniger legitim? Nein, sie stützt sich auf das heiligste aller Gesetze, nämlich auf das Wohl des Volkes [...]


2. Jean-Paul Marat: "Der Volksfreund" an die französischen Patrioten (10. August 1792)
[...] Niemand verabscheut Blutvergießen mehr als ich; aber um zu verhindern, daß das Blut in Strömen fließt, dringe ich in euch, einige Tropfen zu vergießen. Um die Pflichten der Menschlichkeit mit der Sorge für die öffentliche Sicherheit in Einklang zu bringen, schlage ich euch daher vor, die gegenrevolutionären Mitglieder des Stadtrates, der Friedensrichterkollegien, des Departements und der Nationalversammlung auszumerzen. Wenn ihr davor zurückschreckt, so denkt daran, daß das heute vergossene Blut ganz umsonst geflossen sein wird und ihr für die Freiheit nichts erreicht haben werdet.
Vor allem aber haltet den König, sein Weib und seinen Sohn als Geiseln fest und sorgt dafür, daß man ihn, bis das endgültige Urteil über ihn gesprochen ist, jeden Tag viermal dem Volke zeigt. Und da es nur von ihm abhängt, unsere Feinde für immer zu entfernen, erklärt ihm, daß, wenn die Österreicher und Preußen nicht binnen vierzehn Tagen zwanzig Meilen von unseren Grenzen entfernt sind, um sich nicht mehr bei uns sehen zu lassen, sein Kopf ihm vor die Füße rollen wird. Fordert von ihm, diesen schrecklichen Urteilsspruch mit eigener Hand niederzuschreiben und ihn an seine gekrönten Helfershelfer zu schicken: seine Sache ist es, sie uns vom Halse zu schaffen. [...]

3. Beschlüsse der Sektion "Sansculottes" (31. Mai 1793)
Die Versammlung hat beschlossen, am heutigen Tage dem Konvent eine Adresse zu überreichen mit der Forderung nach Festsetzung der Preise für die allernotwendigsten Lebensmittel. Mit der Ausarbeitung der Adresse hat sie die Bürger Lessore und Capin beauftragt.
Nachdem die Versammlung sowohl die vom Bürger Capin ausgearbeitete Adresse als auch die gehört hat, die der Bürger Lessore verfaßt hat, gibt sie der des Bürgers Lessore den Vorzug, welche folgendermaßen lautet:
Abgeordnete des Volkes!
Lange genug, ja, zu lange schon schmachten und verderben ganze Familien unserer Brüder in Not, lange genug und zu lange schon raubt der hohe Preis der notwendigsten Lebensmittel einer Menge von Bürgern ihren gesamten Lebensunterhalt. Man muß nun endlich einmal der unersättlichen Habgier dieser gemeinen Egoisten eine Grenze setzen, die mit dem Blut der Unglücklichen Handel treiben und denen das Elend der Allgemeinheit dazu dient, sich ein Vermögen zu erwerben.
Da es nun einmal wahr ist, daß diese Handelsherren weder durch den Anblick des Elends von Menschen ihresgleichen gerührt werden, noch durch die Schreie der Not, noch durch das Wimmern ihrer Opfer, da nichts diese Herzen von Stein erschüttern kann - Abgeordnete des Volkes, laßt die nationale Gerechtigkeit sich empören, setzt ihren Missetaten eine Schranke!
Wir wenden uns an Euch, um unseren Leiden ein Ende zu setzen, um die Notwendigkeit, zu essen, damit wir leben können, mit der Möglichkeit dazu zu verbinden. Wir fordern von Euch, den Preis der notwendigsten Lebensmittel festzusetzen und dem der Arbeit eines jeden anzupassen, so, daß sie für jeden erschwinglich sind. Wir erwarten von Euch, daß Ihr diesem wohltätigen Gesetz in der ganzen Republik Geltung verschafft.
Wenn noch in dem Augenblick, wo sich das Volk erhebt, unsere Sektion sich an Euch wendet, dann in der Hoffnung, daß, indem sie Euch noch einmal ihre Waffen leiht und Euch die Ausübung ihrer Souveränität überträgt, Ihr davon Gebrauch machen werdet zum Wohle des Volkes. Hört also auf ihre Stimme, beugt unglückseligen Exzessen vor; sonst könnten Verzweiflung und Wut sie wie Euch zu ihrem ersten Opfer machen.
Die Versammlung hat die Bürger Lessore, Habry, Bourgeois, Richard, Billiotte, Heurte, Dreux, Charpin, Busson, Lapierre, Missieu, Coeur, Geoffroy, Dronin, Sapat, Drouet, Delafosse, Deriquecher, Houdard, Tissu, Vindaire, Louis, Marechal, Avrin, Gautier und Labrosse dazu ausersehen, die Adresse zu überreichen.
Als Abschrift ausgefertigt in Übereinstimmung mit dem Original des Protokolls vom heutigen Tage, dem einunddreißigsten Mai Eintausendsiebenhundertdreiundneunzig, im Jahr II der einen und unteilbaren Republik.
R. G. Dardel Henriot Präsident vorläufiger Sekretär


Alle Texte aus: Helmut Reinalter, Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit. Reform, Umbruch und Modernisierierung in Aufklärung und Französischer Revolution. Historisches Seminar Bd. 7, hg. V. Armin Reese und Uwe Uffelmann, Düsseldorf 1989.

4. Presseberichte zu Ludwig XVII.

a)
Auf den Tag genau 209 Jahre nach seinem Tod ist Ludwig XVII. feierlich in der Basilika von Saint-Denis bei Paris beigesetzt worden - zumindest ein Teil von ihm: Sein Herz. Der Sohn des Herrscherpaares Ludwig XVI. und Marie Antoinette, das in der Französischen Revolution hingerichtet worden war, war 1795 im Alter von zehn Jahren an Tuberkulose in einem Gefängnis gestorben.
Um sein Schicksal rankten sich Legenden: Es gab Gerüchte, bei dem Toten handle es sich um einen anderen Jungen, und der Prinz habe in Wirklichkeit fliehen können. Im 19. Jahrhundert tauchten zahlreiche Abenteurer auf, die sich als Ludwig XVII. ausgaben, darunter der brandenburgische Uhrmacher Karl Wilhelm Naundorf.
Analyse lieferte Beweis
Vor vier Jahren bewies eine DNS-Analyse schließlich, dass das Herz zweifellos von einem Mitglied der Bourbonen-Familie stammt. Die hartnäckigsten Skeptiker sagten zwar, es könne auch das Herz des Bruders sein, der etwa zur gleichen Zeit starb.
Doch Charles-Emmanuel de Bourbon-Parme von der monarchistischen Vereinigung Mémorial de France wies diese These zurück. Das 1795 bei der Autopsie vom Gefängnisarzt entnommene Organ sei nicht nach königlichen Riten behandelt worden und könne deshalb nicht von Ludwigs Bruder stammen. Die Leiche des Thronfolgers wurde in einem Massengrab verscharrt.
Feierliche Messe
Am Dienstag wurde das Herz aus einer Pariser Kirche in die Basilika von Saint-Denis gebracht. Vor rund 1300 Besuchern, darunter zahlreichen Vertretern des europäischen Hochadels und der US-Astronaut Buzz Aldrin, zelebrierte Kardinal Jean Honoré eine Messe. Anschließend wurde das Herz, das sich in einer Kristallvase befand, neben den Sarkophagen von Ludwig XVI. und Marie Antoinette bestattet.
Das Herz war lange in einer Ecke der Basilika aufbewahrt worden, jedoch wegen der Zweifel an der Identität nie offiziell beigesetzt worden. ( www.nzz.ch (Neue Zürcher Zeitung) vom 26.6.2004)

b)
Herz von Ludwig XVII. in königlicher Basilika beigesetzt

Legenden um Schicksal des Sohns von Marie Antoinette

Auf den Tag genau 209 Jahre nach seinem Tod ist das Herz des Sohnes von König Ludwig XVI. und Königin Marie-Antoinette standesgemäß in der Basilika von Saint-Denis beigesetzt worden. Zu der würdevollen Zeremonie in der königlichen Basilika nördlich von Paris waren am Dienstag 2500 hohe Gäste, Königstreue und Mitglieder aus europäischen Adelshäusern angereist. Etwa 1000 Schaulustige verfolgten die Messe für Ludwig den XVII., 1795 im zarten Alter von zehn Jahren gestorben, auf mehreren Großleinwänden vor der Basilika. Das eingetrocknete Herz des ungekrönten Bourbonen war nach einer langen Odyssee in einer mit Alkohol gefüllten Kristallurne in einer angrenzenden Kapelle aufbewahrt worden. Jetzt fand es, hart wie ein Stein, die letzte Ruhe unter den Bourbonen in der königlichen Krypta von Saint-Denis. Am Vormittag war in der Basilika unter Anwesenheit des päpstlichen Nuntius eine Messe für den Jungen gelesen worden. Mit Rufen wie "Es lebe der König!" feierten die Königstreuen danach Louis de Bourbon, den Ältesten in der direktesten Nachfolge der Bourbonen.

In Gefangenschaft gestorben

Erst vor vier Jahren hatten deutsche und belgische Forscher mit Gentests nachgewiesen, dass das Herz tatsächlich dem 1785 geborenen Königssohn namens Louis Charles gehörte. Der Junge war am 8. Juni 1795 in Gefangenschaft an Tuberkulose gestorben. Seine Eltern waren zwei Jahre zuvor von Revolutionären enthauptet worden. In der Messe ging der Honorar-Erzbischof von Tours, Jean Honoré, vor allem auf das Martyrium des seinen Kerkermeistern ausgelieferten Jungen ein. Jahrhunderte lang kursierten Gerüchte um den Bourbonen-Sohn, der aus dem Gefängnis geschmuggelt worden sein soll. Erst durch Gentests konnten alle Lügen ausgeräumt werden. Ein Vergleich mit Haarsträhnen von Schwestern Marie-Antoinettes brachten eindeutige Klärung.

Heimlich entwendet

Ein Arzt und Anhänger des Königshauses hatte das Herz nach einer Autopsie heimlich entwendet. Nach Umwegen über Österreich und Italien landete es 1975 in der Kapelle von Saint-Denis. Die feierliche Bestattungszeremonie setzt einen Schlussstrich unter das Rätsel um den Tod des Bourbonen, der als Ludwig XVII. hätte regieren können. In der Basilika fanden die gekrönten Häupter Frankreichs seit dem Hochmittelalter ihre letzte Ruhe. Die Eltern des Dauphins sind aber nicht unter den dort bestatteten Ahnen. Der 1793 hingerichtete König Ludwig XVI. und Königin Marie-Antoinette wurden - wie in den revolutionären Zeiten üblich - in einem Massengrab verscharrt. ( www.zdf.de /heute... vom 25.6.2004)


5. Plan des Stadtkerns von Paris zu Zeiten der Revolution

Aus: Axel Kuhn, Die Französische Revolution, Stuttgart 1999 (reclam), S. 65.

6. Die belagerte Republik Juli/August 1793


Aus: Kuhn, S. 108


7. Zum Einsatz der Texte im Unterricht

Ziel: Die Schüler sollen sich mit authentischen Zeitungsartikeln über einen bestimmten Aspekt der Französischen Revolution beschäftigen, genauer gesagt mit den (negativen) "Highlights" der Schreckensherrschaft.
Möglichkeiten: Zusammenstellung der Texte nach Themen, Dafür bieten sich vier Themenblöcke an:

Texte in chronologischer Reihenfolge: Hierbei bietet sich ebenfalls an, eine Auswahl zu treffen. "Die Revolution frisst ihre Kinder" könnte dann das Schwerpunktthema sein.
In Verbindung mit der Datenliste lässt sich die Verschärfung des Terrors im Jahr 1793 nachzeichnen sowie die Erleichterung der Bevölkerung nach dem Sturz Robespierres.

Der biographische Ansatz: Anhand der Biographien von oben oder mit Hilfe ausführlicher Lexikonartikel können die Schüler die Unterschiede zwischen der heutigen und der damaligen Bewertung der Persönlichkeiten ernennen, die den Zeitungsschreibern des 18. Jahrhunderts besonders wichtig erschienen.

Der quellenkritische Ansatz:

Der handlungsorientierte Ansatz: Die Schüler können sich in die Lage eines Korrespondenten der Postzeitung versetzen und zu einem anderen Ereignis einen Artikel nach den vorgegebenen Mustern schreiben. Dabei kann die eigene Sicht der Dinge durch die Vergabe verschiedener Rollen (königstreuer Reporter, Anhänger der Revolution etc.) variiert und die entstandenen Texte anschließend verglichen werden.
Ebenso könnte ein heutiger BILD-Reporter, einer der BUNTEN und einer einer seriösen Tageszeitung auf eine Zeitreise in das Jahr 1793 geschickt werden, der mit dem heutigen Wissen die Vorgänge kommentiert.
In beiden Fällen bietet es sich auch an, die Schüler zu fragen, wie sie sich die Umstände ihrer Arbeit im revolutionären Paris vorstellen. Dazu sollten sie den Stadtplan von Paris bekommen, der bei den Zusatzmaterialien unter 5. zu finden ist.
Letztendlich kann eine eigene Zeitung entstehen, die in ihrer Aufmachung entweder einer heutigen oder der Postzeitung entspricht.

Der Besuch im Archiv: Da die Textauswahl hier sehr selektiv erfolgte, könnte in einem weiteren Schritt die in den Zeitungen sehr ausführliche Kriegsberichterstattung arbeitsteilig untersucht werden. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, den Aufstieg Napoleons in den Zeitungen zu verfolgen. Probleme dabei: Die Zeitungen sind jahrgangsweise gebunden und der Druck ist sehr klein und oft fast unleserlich. Hinzu kommt die generelle Schwierigkeit, Frakturschrift zu lesen. Deshalb sollte man sich vorab Artikel aussuchen und für Kopien sorgen. Wenn eine Schülergruppe einen Jahrgang vorgelegt bekommen soll, muss ihr unbedingt vorher eine Datenliste gegeben werden und die klare Anweisung, nach welchen Daten und Ereignissen sie suchen sollen. Die Artikel erscheinen mit zeitlicher Verzögerung, aber nicht immer im gleichen Zeitabstand. Oft wird sich auch in anderen Fällen dasselbe Problem wie im vorgelegten Beispiel ergeben, nämlich dass sich nichts zum eigentlich ausgesuchten und heute als wichtig erachteten Ereignis findet.
Nichtsdestoweniger ist der Umgang mit einer über 200 Jahre alten Zeitung für die Schüler ein Erlebnis und damit einen Besuch im Archiv wert.

Nachbereitung: Angesichts des 11. September und der aktuellen politischen Lage sollte sich eine Diskussion über die Definition von Terror- und Schreckensherrschaft und deren Auswirkungen auf die Bevölkerung anschließen. Ein interessanter Ansatz ergibt sich dabei, wenn man diese beiden Begriffe bei Google eingibt. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Unterrichtsmodells ergaben sich bei "Terrorherrschaft" ca. 3790 Treffer - der erste betraf die NS-Zeit, der zweite die Französische Revolution. Nach Lexikondefinitionen erschien einmal die Terrorherrschaft der Bath-Partei im Irak und zweimal ein Artikel über die NATO-Terrorherrschaft(!?). "Schreckensherrschaft" erzielte ca. 13.400 Treffer, davon die ersten 5 die Französische Revolution betreffend. Nach einer Spielbewertung folgten auf den nächsten Plätzen die Inquisition, ein Film über Osama bin Laden, China und Russland.
Was machte also diese kurze Episode in der französischen Geschichte so singulär? Wohl zum ersten Mal in der Geschichte erklärte ein "Parlament" den Terror zum legitimen Mittel der Politik und erließ entsprechende Gesetze zur Verfolgung und letztendlich auch zur endgültigen Ausschaltung aller potenziellen Gegner. Dies geschah unter dem Deckmantel der Revolution zum Schutz" der Bevölkerung. Die Gewalt, die sich gegen das Volk und seine Repräsentanten richtete, wurde schließlich auch von diesen beendet; das Land atmete wieder auf und vertraute Jahre später einem Napoleon Bonaparte, der die Revolution als beendet erklärte und den Franzosen klar machte, daß nur eine starke Führung das Wohl des Staates zur Folge haben könne.

Anhang: Die Zeitungstexte in Frakturschrift (als Kopiervorlage)

Nro. 94, Samstag, 20. April Anno 1793

Paris, den 12. April
Rebequi aus Marseille, Mitglied des Nationalconvents hat seinen Abschied genommen. Er schrieb der Versammlung: "ihr habt die Todesstrafe gegen jeden ausgesprochen, der einen König vorschlagen würde. Nun hat euch aber Robespierre einen unter dem Namen Regulateur auf der Rednertribüne vorgeschlagen. Ihr habt die Todesstrafe gegen jeden ausgesprochen, der die National-Präsentation antasten würde. Nun hat man aber den 27. December 1792 und den 10. Merz 1793 bey den Jacobinern den Anschlag gefasst, Stellvertreter des Volkes zu ermorden, und alle diese Verbrechen blieben ungestraft."

Nro. 96, Dienstag, 23. April Anno 1793

Paris, den 14. April
Der Erzherzog von Orleans, oder Egalite, zeigte sich bey seiner Gefangennehmung und bey seiner Abführung aus Paris nach Marseille als eine feige Memme, er weinte. [...]
In Bretagne geht es fürchterlich zu: die Sansculotten bringen alle Aufrührer, Adeliche, Bischöffe, Geistliche ohne Gnade um, deren sie habhaft werden können, diese üben aber an jenen das Wiedervergeltungsrecht aus; und so frißt dieser Bürgerkrieg täglich eine Menge Menschen. - Am 12. wurden hier 20 Ehen geschlossen und 10 Ehescheidungen gemacht, so geht es beynahe alle Tage fort und unser Paris ist ein wahres Babylon.

Nto. 104, Donnerstag, 2. May Anno 1793

Paris, den 24. April
Der Befehl, den Marat zu arretiren, ist nun wirklich ausgefertiget worden, aber seine Gefangennehmung ist noch nicht erfolgt, und dürfte zu blutigen Scenen Anlaß geben.

Nro. 105, Freytag, 3. May Anno 1793

Das neueste, was heute gemeldet werden kann, ist dieß daß Marat nicht allein gar nicht eingezogen, sondern gestern von dem außerordentlichen Revolutionsgericht als der unschuldigste und wackerste Mann für unschuldig erklärt wurde. ... Er setzte sich auf seinen Platz [in der Nationalkonvention], seine eifrigsten Verehrer setzten ihm eine Ehrenkrone auf, man hüpfte, sprang, jubelte, und der Lärm und das Freudengeschrey in dem Saal der Volksrepräsentanten war so groß, daß kein Mensch den anderen verstund.
... Hinführo werden Abends keine Sitzungen mehr gehalten, weil man bemerkt hat, daß nicht selten in diesen Abendsitzungen der Wein starken Einfluß auf die gehaltenen Reden hatte.

Nro. 110, Donnerstag, den 8. May Anno 1793

In Paris wollten viele Einwohner das letzte Osterfest feyern, allein man drohte gleich mit der Guillotine, und die freien Pariser öffneten also zum Osterfest ihre Läden und gingen an die Arbeit.

Nro. 111, Samstag, den 11. May Anno 1793

Paris, den 3. May
Da die Theuerung und der Mangel des Getreides immer sichtbarer wird, soll auf Befehl der Nationalkonvention in allen Departements Hausvisitationen vorgenommen, und die Kornvorräthe aufgezeichnet, die Bauern durch Militärische Gewalt zum Verkauf ihres Getraides gezwungen, und die schleunigste Maasregeln genommen werden, um in der Fremde Getraide zu kaufen. - General Custine hat den Vorschlag gethan, daß man einen Diktator mit unumschränkter Gewalt erwähle und hielt dieß für das einzige Mittel, die Republik zu retten.
[Custine wurde am 28.8. hingerichtet]

Nro. 173, Dienstag, 23. Jul. Anno 1793

Paris, den 14. Julii
Gestern Abends um 7 Uhr kam eine junge hübsche Frauensperson in einer Miethskutsche vor das Haus des Marat gefahren und bat um die Erlaubniß, ihm eine Bittschrift überreichen zu dürffen. Er befand sich zwar so eben im Bade, aber einen Besuch von einer jungen hübschen Dame nimmt man auch im Bade an. Sie wird vorgelassen, überreicht ihm mit vieler Anmuth ihre Bittschrift und stoßt ihm in dem nemlichen Augenblick einen Dolch durch die Brust, daß er ein paar Minuten darauf seine Seele ausröchelte. Er gehört bekanntlich unter die fürchterlichsten, abscheulichsten Menschen, welche die Revolution hervor gebracht hat.

Ein anderes aus Paris, den 15. Jul.
Die junge hübsche Weibsperson, die den Stolz der Jacobiner, und den Liebling der Pariser, Marat vorgestern Abends um / Uhr im Bad ermordet, ist bereits ergriffen worden. Sie heißt Charlotte Gordet, und ist die Tochter eines ehemaligen königl. Stallmeisters. Sie zeigt die größte Kaltblütigkeit, und äußerte, daß sie sehr bereit sey, zu sterben, da ihr der Dolchstich gelungen. Mein Tagwerk ist gethan, sagte sie, mögen andere das Uebrige vollenden. Sie ist noch ledig. Die Jakobiner sind untröstlich, die Nationalconvention will eine neue grausame Todesstrafe erfinden und Marat soll einbalsamirt, und ins Pantheon beygesetzt werden.

Nro. 174, Mittwoch, den 24. Julii Anno 1793

Paris, den 15. Jul.
Am 9. dieses war die Hitze hier so groß, daß sie jener zu Domingo gleichkam, denn sie hatte über 30 Grade. Vier Pferde vor einem Postwagen sind 2 Stunden von hier für Hitze todt niedergefallen.
... Marat lebte nach erhaltenem Stich keine Minute mehr; der Dolch ging ihm gerade durchs Herz. Robertspierre, Danton, etc. fürchten ein ähnliches Schicksal.

Paris, den 16. Jul.
Die ganze Nationalconvention geht dem umgebrachten Marat zur Leiche. - Man zeigt ihn dem Volk im Badezuber, so wie er in dem Augenblick im demselben saß, als er ermordet wurde. Er hinterlässt nichts als Schulden, welche die Nationalconvention übernimmt, um ihrem Liebling einen Beweiß ihrer Dankbarkeit zu geben.

Nro. 235, Freytag, den 4. Octobr. Anno 1793

Paris, den 23. Sept.
Unsere sanfte und milde Beherrscher haben ohne Zweifel gefunden, daß es der königlichen Familie noch zu guth in ihrem Gefängnisse geht. [Deshalb werden alle Diener entlassen; es gibt nur noch die gleiche Kost wie für die übrigen Gefangenen:] Suppe, Rindfleisch und gewöhnliches Brod.

Nro. 256, Dienstag, den 29. Octobr. Anno 1793

Paris, den 18. Oct.
Das Verhör über die Königin hatte am 14. Montag früh ... angefangen. [...] Einer der Vertheidiger gab an: die Königin habe ihn einmal bey dem Herausgehen aus dem Verhör gefragt: "Habe ich nicht mit allzu vieler Würde geantwortet? Denn ich bemerkte, daß eine Frau sagte: sehet wie diese so sicher ist." - In diesem Verhör hatte sie auf jede Frage geantwortet, z.B. Wer sind Sie? - "Ich bin Antonie Prinzessin von Oesterreich, Wittwe König Ludwigs 16." - Wie alt sind Sie? - "38 Jahre". - Der Priester, der sie zum Tod begleitete, war weltlich gekleidet. Sie trug ein schwarzes Kleid. Ihr Haupt fiel um ein Viertel Uhr nach Zwölfe Mittags.

Nro. 257, Mittwoch, den 30. Octobr. Anno 1793

Paris, den 16. Oct.
Die Greulthat ist begangen. - Die Menschheit beleidigt worden. Die Tochter Marien Theresiens, die geliebte Marie Antoinette, Königin von Frankreich, in deren Sonnenschein ehemals der Franzoß lebte und webte, sank von ihrer glänzenden glücklichen Höhe in die Klauen rasender Ungeheuer. Gestern Abend wurde sie zum Schein noch einmal verhört, und dann zum Thode verurtheilt. Heute Morgen ist sie hingerichtet worden.

Nro. 308/09 Donnerstag, den 26. Dec. Anno 1793

Paris, den 12. Dec.
Der Zulauf der Menschen war ungeheuer. Während ihres Processes wurde der Dubarry öfters nicht wohl, und sie musste sich der Riechwasser bedienen. Auf dem Wagen, auf welchem sie zum Richtplatz gefahren wurde, war sie so schwach, daß der Scharfrichter sie beständig halten musste. Sie war ziemlich fleischig geworden, das Gesicht ein wenig kupferig, aber man sah noch die Spuren der Schönheit. Als das Brett hervorgezogen wurde, schien sie einen Augenblick aus ihrer langen Ohnmacht zu kommen, und sie bat um Gnade, und stieß einen durchdringenden Schrey aus. Die holländische Familie Handernyver zeigte mehr Standhaftigkeit, der jüngste dieser Brüder war vor den Richtern ganz wütend und schimpfte sie.

Nro. 109, Mittwoch, den 7. May Anno 1794

Paris, den 24. April
In dem abgewichenen Keimmonat wurden in Paris 738 neue Ehen geschlossen, 177 Ehescheidungen vollzogen, 1603 Kinder geboren und 1855 Menschen sind gestorben. - Die Zahl der Gefangenen in Paris ist jetzt 7746. - Vorgestern sind von dem Revolutionsgericht wieder viele Personen zum Tod verurtheilt worden: Blin, ehemaliger Graf, 40 Jahr alt/Espinard d´Alleray, aus Dijon, ehemaliger Rath des Parlements dieser Stadt/Guenichot, 27 Jahr alt, aus Dijon, Sohn eines ehemaligen Parlementsraths dieser Stadt/Julien, 49 Jahr alt, ehemaliger Pfarrer und Franziskaner/Berlier, 60 Jahr alt, aus Chatillon, Forstbeamter/Guilemin, Schreiber, 29 Jahr alt. Alle diese hatten nach Angaben der Anklageschrift im Arresthaus zu Dijon Komplotte gemacht, um die Republik und die Nationalconvention zu vernichten und die Königswürde wieder einzuführen.

Nro. 247, Mittwoch, den 15. Octobr. Anno 1794

Paris, den 2. Oct.
Die Wittwe des guillotinierten Exherzogs von Orleans, abscheulichen Angedenkens, ist zum Erstaunen von ganz Paris aus ihrem Gefängnis, worinnen sie schon mehrere Jahre saß, vom Revolutionsgericht entlassen worden. Dieses Gericht verfährt seit dem Sturz des Tyrannen Robespierre sehr menschlich, viele hundert Personen werden losgelassen und nur wenige hingerichtet.

Nro. 53, Dienstag, den 3. Merz Anno 1795

Straßburg, den 22. Feb.
Unter den Blut- und Schreckensmännern, welche nach der Vorschrift des Collot d´Herbois das Ersäufen, Erschießen und Guillotinieren so vieler tausend Einwohner der unglücklichen Stadt Lyon angeordnet haben, befand sich auch ein gewisser Ferner. Dieser unverschämte Mensch hatte die Frechheit, am 14. dieses Monats durch Lyon zu reisen. Er wurde erkannt, und sollte arretirt werden. Allein das Volk fiel über ihn her, warff ihn mit Steinen tot und schleppte ihn in die Rhone, in welche vormals dieser Bösewicht so viele rechtschaffene Bürger hatte werffen lassen.

Nro. 148, Montag, den 22. Junii Anno 1795

Paris, den 11. Jun.
Vorgestern trug Sevestre im Namen des Polizei Comite der National-Konvention vor: Seit einiger Zeit litt der Sohn unseres letzten Königes an einer Geschwulst am rechten Knie und an der linken Hand. Am 4. May vermehrten sich die Schmerzen: Der Kranke verlor den Appetit, und ein Fieber stellte sich ein. Der weltberühmte Arzt Dessaux wurde ernannt, den Kranken zu besuchen. ... Seine Geschicklichkeit und Rechtschaffenheit bürgten uns, daß Nichts, was man der Menschlichkeit schuldig ist, dem Kranken abgehen würde. Inzwischen äusserten sich bey der Krankheit verschiedene bedenkliche Umstände. ... Um 2 ¼ Uhr Nachmittag [am 8. Juni] erhielt das Comite den Bericht, daß der Sohn König Ludwigs XVI. gestorben sey.