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Willkommen beim Stadtarchiv Augsburg 23.01.2018 - Druckversion

Stetten (von Steden), Kaufmanns- und Patrizierfamilie

Paul (IV) von Stetten d.Ä.

Seit 1445 in A. nachweisbar, noch heute im Raum A. (Aystetten, Hammel) ansässig; 1484 Herrenstube; 1538 Aufnahme ins Patriziat; 31.3.1548 Reichsadel. Der aus Frankfurt stammende Johann (I) von S. († 1476/77) stand bereits im Dienst der Meuting-Gesellschaft, als er 1445 durch Heirat mit einer Tochter des Teilhabers U. Meuting A.er Bürgerrecht und Zunftrecht der Kaufleute erwarb. Schon er versteuerte ein beachtliches AV von 2460 fl (1466; 64. Stelle). Der Sohn Michael († 1525) erreichte den Anschluss an die Spitzengruppe der A.er Kaufleute. Er steigerte sein AV von 1867 fl im Jahr 1486 (145. Stelle) auf 28.000 fl 1516 (19. Stelle). Durch Heirat (1484) mit einer Schwester H. (I) Baumgartners gelangte er auf die Herrenstube. Es ergaben sich auch Geschäftskontakte, die um 1493 in der gemeinsamen Beteiligung an der Knoll-Baumgartner-Gesellschaft (Salzburg/Kufstein) fassbar sind. Daneben engagierte er sich bei Finanzoperationen seines Bruders Johann (II, † 1526), der als Rat und Schatzmeister in Diensten Maximilians I. stand. Michael gehörte zu den frühen Protestanten in A. und wurde nach „ev. Prauch“ begraben.

Schon in den 1520er Jahren werden zwei Konstanten fassbar, die die Familie über drei Jh.e kennzeichnen sollten: Prot. Konfession, die 1633 Grundlage der politischen Stellung wurde, und erfolgreiche Heiratspolitik, die wahrscheinlich nachhaltiger als kaufmännische Einzelbegabungen die herausragende wirtschaftliche Stellung der Familie sicherte. Michaels ältester Sohn Georg (I, * 1489, † 1562), anfänglich Teilhaber Christoph Herwarts, schied nach Heirat mit der reichen Tochter U. Fuggers 1516 aus der Gesellschaft aus. Rückzug aus dem Handel und Erwerb der Herrschaft Boxberg (1524) kennzeichnen die Entwicklung eines feudalen Lebensstils in dieser Linie. Sein Sohn Georg (II, * 1520, † 1573), Miterbe des B. (V) Welser, war der reichste S. in der 2. Hälfte des 16. Jh.s. Die Leidenschaft des Bgm.s Albrecht von S. († 1614) für die Alchimie vernichtete in der nächsten Generation das bedeutende Vermögen und führte zur Liquidation der Herrschaften Boxberg und Emersacker; mit dem Sohn Daniel († 1677), Hauptmann der Stadtgarde, erlosch die Linie. Auch Michaels zweiter Sohn Lukas von S. (* 1493, † 1545), seit 1516 anstelle des Bruders Herwart-Gesellschafter, zog sich nach Heirat mit der sehr reichen Fuggerwitwe Veronika Gassner vom Handel zurück, beteiligte sich aber weiterhin an Finanzspekulationen. Als Kaufmann aktiv blieb nur der jüngste Sohn Christoph (I, † 1556), der bis zu seiner Heirat als Herwartfaktor in Antwerpen tätig war; kurz vor seinem Tod ist er dann als selbständiger Kaufmann fassbar. Ob dessen ältester Sohn Christoph (II, * 1534, † 1607) die Firma weiterführte, ist unklar. Sein Sohn Hans Christoph arbeitete 1586 als Handelsdiener in der Firma des Onkels David, wanderte später ab und begründete den Frankfurter Zweig der Familie (1734 erloschen). Die Witwe des Christoph (I) dürfte sich an der ab 1562 fassbaren Gesellschaft ihrer Brüder Sigmund und Daniel Höchstetter beteiligt haben, als deren Mitarbeiter dann 1570-1578 der Sohn David (I, * 1553, † 1638) belegt ist. Wahrscheinlich übernahm David die Firma, als die beiden Höchstetter 1583 starben. Die in Venedig, Genua und den Niederlanden tätige Firma war einige Zeit sehr erfolgreich. In knapp 15 Jahren stieg Davids AV von 10.750 fl (1590) auf 41.500 fl (1604), fiel aber bis 1618 wieder auf 13.400 fl. Entgegen der Literatur hinterließ er also kein großes Erbe. Der jüngste Sohn David (II, * 1595, † 1675) verfügte 1639 über ein AV von nur 4000 fl. Die 58.250 fl, die der älteste Sohn Paul (I, * 1583, † 1643) schon 1618 versteuerte, stammten fast ganz aus der enormen Hinterlassenschaft seines Schwiegervaters Daniel Österreicher; dabei war er noch der „ärmste“ von sieben Erben. 1625 hatte David (I) die Firma an die Söhne übergeben. Paul (I), der während der schwedischen Besatzung als Stpf. amtierte, konnte sie ohne größeren Substanzverlust durch den 30jährigen Krieg führen. 1646 versteuerte die Witwe das neuntgrößte A.er Vermögen. 1643 wurde Christoph (IV, * 1609, † 1673) anstelle des Vaters Gesellschafter. In seinen Händen dürfte bald die Geschäftsleitung gelegen haben, da der Onkel David (II) seit 1653 als Stpf. amtierte. Den Wiederaufstieg der Firma belegen die Steuerdaten der Teilhaber: 1660 war Davids (II) AV auf 24.000 fl (13. Stelle), das von Christoph (IV) - auch dank vorteilhafter Heiraten - auf 83.000 fl (2. Stelle) gestiegen. Da Christophs Vermögen durch Erbteilung zwischen der Witwe und den Kindern erster und zweiter Ehe stark zersplittert wurde, trat in der Firma Davids (II) Sohn David (III, * 1638, † 1704) vermehrt in den Vordergrund. Dass sich Christophs (IV) ältester Sohn, der Jurist Paul (II, * 1643, † 1729), aktiv am Handel beteiligte, erscheint zweifelhaft; belegt ist hingegen die Mitarbeit des Bruders Christoph (V, * 1644, † 1681), der bis zu seinem frühen Tod die Firma leitete; auch eine Beteiligung des Stiefbruders und Juristen Johann (IV, * 1658, † 1738) ist nicht nachweisbar. Eine (stille) Teilhaberschaft ist zwar nicht auszuschließen, die Juristen widmeten sich aber sicher v.a. ihren städtischen Ämtern: Ihre Laufbahnen wurden 1716 bzw. 1726 mit der Wahl zum Stpf. gekrönt. Mit konsequenter „Personalpolitik“ schufen sie die Basis für die dominierende politische Stellung der Familie im 18. Jh., die mehrfach zu Beschwerden beim Reichshofrat in Wien führte. Im 18. Jh. stellten sie vier von neun ev. Stpf.n, drei weitere waren mit ihnen nahe verwandt oder verschwägert. Die letzte Phase der S.schen Handlung ist nur unzureichend erforscht. Nach den Angaben des Raggionenbuchs übernahm 1704 Paul von S. die Leitung der Firma. Dass es sich bei ihm, wie in der Literatur behauptet, um den betagten Paul (II) und nicht um den Sohn des bisherigen Firmenoberhaupts David, Paul (III, * 1665, † 1727), handelt, erscheint wenig glaubhaft. Dass Mitte des 18. Jh.s noch eine S.-Handlung existierte, ist nicht belegt. Die Söhne von Paul (III), der Stpf. David (IV, * 1703, † 1774), der Geheime Rat Paul (IV) und dessen Sohn Paul (V), waren auch als Privatgelehrte tätig.

Paul IV, „d.Ä."

* 8.11.1705 A., † 9.2.1786 A. trat nach Privatunterricht (u.a. J. J. Brucker), Besuch des Gymnasiums bei St. Anna und Jura-Studium (1723-1729) in Altdorf 1731 in den reichsstädtischen Verwaltungsdienst ein. Er amtete als Proviantmeister und gründete 1755 das Zucht- und Arbeitshaus. Verfasste eine auf Quellen fußende Geschichte A.s bis 1648 (2 Bde., 1743/58); eine zeitliche Fortführung konnte er nicht mehr realisieren. Bemühungen, dem geistigen Leben der Stadt 1746 durch die Gründung einer gelehrten Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte A.s ('Ad insigne pinus') Auftrieb zu geben, fanden wenig Anklang.

Paul IV, „d.J."

Sein Sohn Paul (V., „d.J.“, * 24.8.1731 A., † 11.2.1808 A.) studierte nach Privatunterricht und Anna-Gymnasium in Genf und Altdorf. Wieder in A., begann er, u.a. eine Familiengeschichte zu schreiben (Neues Ehrenbuch oder Geschichte des adeligen Geschlechtes der von S., 1766). Es entstanden Darstellungen der adeligen Geschlechter (1762) und der Wappen des Patriziats (1763), ferner literarische Porträts berühmter A.er; daneben verfasste er auch Romane, Singspiele und Kantatentexte. Förderte das Musikleben und pflegte Umgang mit Künstlern. Seine „Kunst-, Gewerb- und Handwerksgeschichte der Reichs-Stadt A. “ (2 Bde., 1779/88) ist bis heute eine unentbehrliche Quelle. Beteiligte sich 1779 an der Erneuerung der Reichsstädtischen Kunstakad. Inhaber von Ämtern in verschiedenen Verwaltungszweigen. Seit 1770 Ratsmitglied, 1792-1806 Stpf.

Anna Barbara von S.

* 23.9.1754 A., † 19.2.1805 A., einziges Kind von Johann Adolf von Amman und Sybilla Marianne von Welser, heiratete 1774 einen Neffen Pauls (IV), Johann Ferdinand von S. (* 1723, † 1777), der im A.er Stadtregiment wichtige Ämter bekleidete. Die kinderlose Patrizierin stiftete am 9.5. 1803 für die Gründung einer „Bürgerlichen Töchterschule“ samt Internat 90.000 fl und ihre Häuser am Annaplatz (Martin-Luther-Platz 3). Das A.-B.-v.-Stettensche Institut wurde am 2.1.1806 mit 21 Schülerinnen eröffnet; erste Direktorin war M. B. Degmair. GG Die politische Wirksamkeit der S. endete nicht mit der Mediatisierung. 1806 wurde Albrecht von S. (* 1736, † 1817), der bisher kaum hervorgetretene Bruder Pauls (V), als einer von zwei Bgm.n eingesetzt. Seine Nachkommen entwickelten auch wieder unternehmerische Aktivitäten. Der Enkel Paul (* 1790, † 1872) übernahm nach Tätigkeit als Prokurist 1832 die Bank seines Onkels Friedrich von Halder. 1839 zählte er mit Süsskind zu den größten Gewerbesteuerzahlern. Seit den 1860er Jahren leitete sein Sohn Karl (* 1822, † 1896) die Geschäfte; er beteiligte sich u.a. 1871 an der Gründung der A.er Bank (Bayerische Vereinsbank). Dessen Sohn Fritz (* 1854, † 1945) verkaufte das Bankhaus 1906 an die Dresdner Bank.